Lollar (vh). Quasi aus dem Dunkel der über 750-jährigen Ruttershäuser Dorfgeschichte entwickelte sich im vergangenen Jahrhundert eine spontane Idee, die mehr und mehr Gestalt annahm, als ein Gründungsimpuls für den Karnevalsverein, den heutzutage rundherum fast jeder kennt und den keiner missen möchte. Es mutet ja wie ein Treppenwitz der Fastnachtsgeschichte an, dass der noch junge Carneval-Club Ruttershausen (CCR) aus seinen ersten Jahrzehnten fast keine schriftliche Aufzeichnungen kennt. Sven Käs, einer von drei CCR-Vorsitzenden, bekennt, er habe sich für die von der »Allgemeinen Zeitung« gewünschte Chronologie der ersten 20 Jahre hauptsächlich aus mündlicher Überlieferung bedient.
Harald Käs singt 2010 die im Vorjahr von ihm getextete CCR-Hymne
Darf also eine etwas provozierend formulierte - natürlich absolut närrisch gemeinte - Frage erlaubt sein, ob man in Ruttershausen etwa die Schrift erst kürzlich erfunden hat? Und selbst wenn dem so wäre, stünden bei der Fastnacht gewichtigere Eigenschaften viel höher im Kurs. Nehmen wir beispielsweise das richtige »Schlappmaul« in der Bütt oder die fliegenden Tanzbeine der Garden. Vom berühmten Kreis, der bekanntlich über die Eigenschaft verfügt, sich im Verlauf einer beliebigen Lebensgeschichte irgendwann zu schließen, profitierte kürzlich auch der CCR. Wie bereits von der »Allgemeinen Zeitung« berichtet, wurde die Gaststätte »Zur Lahnbrücke« vorübergehend (oder auch dauerhafter) in »Prinzenklause« umbenannt. Und dort schließt sich der Kreis.
Deutet man den Nebel der närrischen Geschichte in Ruttershausen richtig, dann trafen sich am Tresen beim Brückenwirt Lothar Wagner eines Tages im Jahr 1977 vier Personen, genauer gesagt: gestandene Mannsbilder, um in einer Bierlaune spontan zu beschließen, ab sofort einen Karnevalverein aus der Taufe zu heben. Obwohl nach so langer Zeit unterstellt sein soll, dass die Herrschaften vielleicht angeheitert, nicht unbedingt sturzbetrunken, wohl aber gut gelaunt waren, konnte sich tags darauf niemand mehr an die eigentliche Initialzündung erinnern, so dass der »richtige« Gründervater für immer unbekannt bleibt.
Ein Gründerquartett, bestehend aus Hartmut Ott (†), Hans-Jürgen (Henner) Röhrsheim (†), Wolfgang Eidam (†) und Rolf Becker, teilt sich die Ehre. Allerdings fehlt weit und breit eine ordentliche Gründungsurkunde. Laut mündlicher Überlieferung existierte ersatzweise ein Bierdeckel, doch dieses handlich-pragmatische »Dokument« à la Friedrich Merz (das war der mit der Steuererklärung) wurde von Brückenwirt Wagner mutmaßlich auf dem üblichen Weg entsorgt.
Anfangs herrschte noch Skepsis im Dorf ob denn überhaupt ein neuer Verein notwendig sei. Nichtsdestotrotz betrieben Inge Ott und Monika Laumann die Vorbereitungen für die erste Tanzgruppe, bestehend aus Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 13 Jahren. Deren Auftrittspremiere zu einem »Mexikanertanz« erfolgte in Gamaschen, später auch schon einmal in roten Gummistiefeln. Kurzum: Gardetanzschuhe nach heutigem Zuschnitt waren damals unbekannt. Für die Zeit zwischen den närrischen Kampagnen verfügt der Verein über das gesangstechnische Aushängeschild »KORK«.
Ihre ersten Lieder trugen Burkhard Ott (Bruder von Hartmut) und Hans-Jürgen Röhrsheim in den späten 1970-er Jahren als glossierende Bänkelsänger bei Fremdensitzungen vor und mit ziemlicher Sicherheit auch beim frisch gegründeten CCR. Mittlerweile zählt »KORK« zu den bekannten Mundartgruppen in Hessen. In der heutigen Besetzung agieren Harald Käs (Gitarre, Gesang), Burkhard »Capello« Ott (Gesang, Gitarre), (Prinz) Thomas Kraft (Akkordeon, Keyboard, Gesang), Markus Horst (Gitarre, Gesang) und Reinhold Gabel (Schlagzeug, Gitarre, Gesang). Für die einzige hessische Karneval-TV-Produktion »Hessen lacht zur Fassenacht« wurde Harald Käs 2009 per »Casting« als Büttenredner entdeckt. Stimmungs-Multitalent Käs dichtete auch das Lied »Rut un Wies« der Kölner Mundartgruppe »Bläck Fööss« auf Ruttershäuser Verhältnisse textlich um. »Rot und Weiß« lautet die CCR-Vereinshymne. Nach der Tanzversion für die Garde im Jahr 2009 stand Käs jetzt zur Jubiläumssitzung mit dem Live-Ggesang dieses Titels auf der Bühne.