Altvaterball bot Musik und Tanz, Rückblick und geschenkte Krawatte
Linden (gbp). Früher hätte man sich im Tesstal, im Odertal oder an der Eger zur Tanzveranstaltung getroffen - »und heute treffen wir uns eben im Lückebachtal zum Altvaterball«, sagte Roland Jankofski, Vorsitzender der Ortsgruppe Kleinlinden/Leihgestern des Bundes der Vertriebenen (BdV), am Samstag in seiner Begrüßung zum mittlerweile 46. Altvaterball.
Musik und Tanz beim Altvaterball in der Leihgesterner Volkshalle. (Foto: gbp)
Dieser verdankt seinen Namen dem Berg »Altvater«, der mit 1490 Metern der höchste Berg des mährisch-schlesischen Gebirgszugs ist. In der Volkshalle Leihgestern begrüßte Jankofski unter den zahlreichen Gästen auch den Lindener Bürgermeister Dr. Ulrich Lenz, eine Gruppe Tanzbegeisterte der »Egerländer Gmoi« Gießen mit Vorsteherin Ingrid Paulus, den Vorsitzenden des BdV Großen-Linden, Josef Weiser, und den Schützenclub Roland aus Kleinlinden mit Vorsitzendem Heinz Schlosser. Nicht zuletzt auch die von Torsten Enders geleiteten Altvatermusikanten mit Sängerin Nora Schmidt, die zum Tanz auf der ausgiebig genutzten Tanzfläche aufspielten.
Zu den traditionellen Höhepunkten des Altvaterballs gehörten der Schicksalswalzer mit anschließendem Besuch der »Altvaterklause« und der Mondscheinwalzer um Mitternacht. Der Erlös des Balles wird nach Vorstandsbeschluss in diesem Jahr möglichst »eins zu eins« den Opfern des Erdbebens in Haiti zugute kommen.
»Wir sind hier angekommen, wir wurden hier aufgenommen und haben uns integriert. Aber wir wollen unsere Herkunft nicht verschweigen, nicht verleugnen und nicht vergessen«, sagte Jankofski, der zurückblickte auf die Geschichte der Heimatvertriebenen, die aufgrund des Potsdamer Abkommens 1945 in den Gießener Raum transportiert wurden - eine »Völkerwanderung«, die 15 Millionen Menschen aus den früheren deutschen Ostgebieten und Südost-Europa betraf. Nach Quoten wurden die Menschen in die Besatzungszonen aufgeteilt. Nach Leihgestern, das damals 1936 Einwohner zählte, kamen 973 Vertriebene, was einem Zuwachs der Bevölkerung um rund 50 Prozent entsprach. Diese vielen neuen Bürger, die einen fremden Dialekt sprachen und andere Gewohnheiten hatten, als die Oberhessen, in die 403 Leihgesterner Wohnungen aufzuteilen, war eine schwere Aufgabe für den damaligen Bürgermeister Funk. Diese habe er gemeistert, so Jankofski, und auch von dem heutigen Bürgermeister, Dr. Lenz, erfahre man Zuneigung und Unterstützung.
Der BdV-Vorsitzende trug zum Altvaterball eine auffällige Krawatte, mit der es eine besondere Bewandtnis hatte, denn sie war Anlass für eine Aufgabe, die Jankofski dem Lindener Bürgermeister zugedacht hatte: Die Krawatte trägt handschriftlich die 1865 aufgestellten »Mendel’schen Gesetze«, nach der Vererbungslehre des Genetikers Gregor Johann Mendel, der als einer der ersten erklärt hat, nach welchem Muster Eigenschaften der Eltern an ihre Nachkommen weitergegeben werden. »Verbindungsperson« zwischen Jankofski, dessen Geburtshaus etwa zehn Kilometer von Mendels Geburthaus in Heinzendorf steht, und Lenz ist Jankofskis Nachbar Prof. Hinrichsen, einer der Lehrer des Lindener Bürgermeisters, der in Gießen Agrarwissenschaft studiert hat. Der Bitte, die Mendel’schen Gesetze zu erläutern, kam Lenz gerne nach und erhielt dafür die Krawatte als Geschenk: »Wenn zwei Schwarze aufeinandertreffen, kann auch mal ein Roter dabei herauskommen«, dozierte der Bürgermeister augenzwinkernd. »Und manchmal - zum Beispiel wenn unser Außenminister nach China fährt - kommt auch überhaupt nix dabei raus.«