Artikel vom
10.12.2009 - 21.00 Uhr
Vom Schicksal der Kindersoldaten in Afrika
Lich (mlu). In der Festivalreihe »ausnahme|zustand - verrückt nach Leben« zeigte das Kino »Traumstern«den Dokumentarfilm »Warchild«. Anschließend stellten sich die Psychologen Dr. Dietrich Süße und Dr. Klaus-Dieter Grothe für ein Publikumsgespräch zur Verfügung.
Lich (mlu). In der bundesweiten Festivalreihe »ausnahme|zustand - verrückt nach Leben« zeigte das Licher Kino »Traumstern« am Mittwoch den Dokumentarfilm »Warchild« von Regisseur Christian K. Chrobog (USA 2008). Anschließend stellten sich die Psychologen Dr. Dietrich Süße, von der vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Gießen und Dr. Klaus-Dieter Grothe, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychatrie und Psychotherapie aus Hüttenberg, für ein Publikumsgespräch zur Verfügung.
»Warchild« erzählt die bewegende Geschichte des mittlerweile in London lebenden Rap-Musikers Emmanuel Jal. Geboren wurde er im Südsudan. Sein Vater war Mitglied der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee SPLA. Nach dem Tod seiner Mutter wurde der damals Siebenjährige von der SPLA rekrutiert und in Äthiopien militärisch ausgebildet. Man habe ihn nicht gezwungen, das Bedürfnis nach Vergeltung und Mannhaftigkeit habe ihm die Entscheidung leicht gemacht. Jal kämpfte in vier Gefechten, bei einem Einsatz bei Dschuba 1991 floh er im Alter von elf Jahren zusammen mit 400 anderen Kindersoldaten, nur zwölf von ihnen überlebten die dreimonatige Flucht, die Übrigen erlagen Hunger und Durst. Jal berichtet aus dieser Zeit, wie er eines Abends dagegen angekämpft habe, einen sterbenden Freund zu essen. Den Vogel, den jener Todgeweihte am andern Morgen mit letzter Kraft erlegte, ehe er starb, verzehrte Jal vollständig, mit Krallen und Federn. Als er die Stadt Waat im Bundesstaat A’li an-Nil erreichte, wurde er von Emma McCune von der Hilfsorganisation »Street Kids« und ehemalige Gattin des Rebellenführers Riek Machar adoptiert und nach Kenia geschmuggelt, wo er eine Schule in Nairobi besucht. Es war der Beginn eines neuen Lebens. Er begann seine Erlebnisse in Texten zu verarbeiten, 2005 gelang ihm mit dem Lied »Gua« der musikalische Durchbruch. Sein großes Thema ist die Vergebung. Im Gegensatz zu vielen seiner Weggefährten, ist es ihm gelungen, seinen Schmerz zu artikulieren. Dank seines Charismas vermochte er andere stets für sich zu gewinnen.
Gleichwohl Jal in seinen Liedern immer wieder den Bürgerkrieg und die ungerechte Ausbeutung Afrikas durch Industriestaaten thematisiert, zeigt der Film, dass seine eigentliches Trauma nicht direkt vom Krieg herrührt. Es ist der Moment, in dem sein Vater ihn im Stich ließ, der seine Seele nachhaltig verletzte. Als er bald zwei Jahrzehnte nach seiner Flucht in den Sudan zurückkehrt, um seine Angehörigen wiederzutreffen, begegnet er dem Vater mit äußerst gemischten Gefühlen.
Grothe, der sich seit 1994 mit posttraumatischen Belastungsstörungen befasst und die Thematik aus eigener Erfahrung in Uganda kennt, überrascht es wenig, dass die Kriegserlebnisse selbst nicht zwangsläufig in ein Trauma münden. Die Entwicklung der Kinder hänge stark von ihrer Resozialisierung ab, erklärte Süße. »Nicht die Kriegserfahrung wirkt prägend, sondern die Nachkriegserfahrung«, so der Psychologe. Gelinge es den Kindern später, soziale Bindungen aufzubauen und eine Zukunftsperspektive zu entwickeln, so hätten sie gute Chancen die belastenden Erlebnisse abzuschütteln. Es sei Tatsache, dass unter ehemaligen Kindersoldaten keine ausgeprägte Trauma-Anfälligkeit bezüglich ihrer Kriegserlebnisse festzustellen sei. Ein erklärender Aspekt sei ihre Rolle als Täter, meinte Süße, denn Traumatisierungen entstünden oft aus der Erfahrung von absoluter Hilflosigkeit, also aus Situationen, in denen man Opfer externer Gewalt wird. Eine hinreichende Erklärung sei dies aber nicht. Grundsätzlich sei die individuelle Disposition eines Menschen ausschlaggebend dafür, wie er auf bestimmte Erfahrungen reagiere. Dasselbe gelte für unterschiedliche Therapieansätze. Neben der Nachgeschichte spiele auch die Vorgeschichte eine maßgebliche Rolle. Demnach sei es ein Unterschied, ob die Kinder in dem Bewusstsein kämpften, einer gerechten Sache zu dienen, wie im Fall von Jal, der Rache und Vergeltung übte und sein Land verteidigte, oder ob ihr Leiden sinnlos gewesen sei, wie es von vielen Soldaten im ersten Weltkrieg empfunden wurde.
Mit Empörung machten die Ärzte auf Zynismen in der Rechtssprechung aufmerksam. Obwohl es bekannt sei, dass traumatisierte Menschen lange nicht über ihre seelischen Verletzungen sprechen könnten, mache der Staat seine Asylgewähr von ihrer Äußerungsbereitschaft abhängig. Ihr Schweigen gilt quasi als Zeichen ihrer Gesundheit und führt zur Abschiebung.
»Warchild« ist ein tief berührender Dokumentarfilm. Leider war das Kino an jenem Abend nur mäßig besucht, doch das Gespräch zwischen den Psychologen und einigen Interessierten setzte sich im Foyer noch eine Weile fort, indessen im Saal preisgekrönte Kurzfilme von hessischen Hochschulen unter dem Titel »Hessen Shorts« gezeigt wurden. Zu Gast war Filmemacherin Eva Münnich. (Fotos: mlu/Verleih)