Tee trinken und die eigenen Kraftressourcen entdecken
Lich (mlu). Pao-Yi Ku hat in Lich das Teehaus »Formosa« eröffnet. Hier kann man Teezeremonien erleben und Kurse in Tai-Chi, Chi-Gong oder Kalligraphie belegen.
Tai-Chi im Licher Schlosspark
Den Kopf leicht niederbeugend, umhöhlt Pao-Yi Ku die oktoberkalte und ihr zur Begrüßung hingestreckte Rechte mit beiden Händen. Bekleidet mit einem rot-seidenen Damensakko im chinesischen Stil und Bluejeans, aus denen schwarze Wildlederstiefel hervorlugen, empfängt sie den Gast in ihrem Teehaus »Formosa«, das am Freitag eröffnet wurde und mit dem sich die gebürtige Taiwanesin einen Traum erfüllt hat.
Im Schaufenster und in den Regalen im Inneren des Raumes in der Braugasse 24 lagern aus Fernost importierte Geschenkartikel. Nicht alle haben Gebrauchswert, sie sollen »einfach schön, fürs Auge und fürs Gemüt« sein. Die Dinge sind augenscheinlich erlesen, von kitschiger Exotik und Esoterik keine Spur. »Formosa« ist der Oberbegriff für taiwanesischen Oolong-Tee, den Pao-Yi Ku in einer Zeremonie namens Kung Fu Cha zubereitet. Das bedeutet: Schule des duftenden Blattes. Ein Räucherlämpchen gibt herben Duft, der sich mit dem windspielartigen Klingeln chinesischer Musik verbindet, indessen Ku den »Aufguss des guten Geruchs« in einen kleinen, zylinderförmigen Duftbecher füllt, um sein blumiges Aroma vorzustellen. Verkostet wird er nicht, er würde noch zu bitter schmecken. Erst den zweiten, den »Aufguss des guten Geschmacks« füllt sie in winzige dünnwandige Schälchen, deren zierliche Beschaffenheit für die Kostbarkeit des Augenblicks sensibilisieren soll. Einen Tee von hoher Qualität kann man bis zu 15-mal aufgießen, und während Ku von ihrem Weg nach Westen, der »paradoxerweise« auch ein Weg in die Spiritualität war, erzählt, folgen zahlreiche Aufgüsse der »langen Freundschaft«.
Nicht in ihrer Heimat Taiwan entdeckte die studierte Anglistin die meditativen Kulturpraktiken, die sie inzwischen in Seminaren vermittelt, sondern in Deutschland, wo sie vor 20 Jahren aus »Interesse an der europäischen Kultur« abermals zu studieren begann, ihren künftigen Mann kennenlernte und Mutter wurde. Erst der kulturelle Vergleich hatte sie für die durch den Kommunismus arg geschundene Tradition ihrer eigenen Kultur interessiert. Und seitdem sie der Gießener Michael Cyrol mit der Kunst des Tai-Chi vertraut gemacht hatte, reiste sie immer wieder nach China, um diese einmal erweckte Liebe zur Meditation zu vertiefen.
Nicht nur in Tai-Chi, sondern auch in Chi-Gong und Kalligraphie, Kulturtechniken, die sie mitunter auch schon an der Licher Kreisvolkshochschule unterrichtete und neben chinesischen Kochkursen künftig in Kursen und Workshops in ihrem Teehaus anbieten wird. »Die Erkenntnis der Innenwelt ist schwer, aber sie bereichert und offenbart einem erst den besonderen Wert des Lebens. Lebensfreude mit den Menschen zu teilen und ihnen dabei zu helfen, eigene Kraftressourcen zu nutzen, das ist eigentlich mein Bestreben«, sagt die Buddhistin mit einem Blick auf das Foto, das sie mit dem Dalai Lama zeigt. Sie lächelt beglückt und wieder werden die Deltafältchen in ihren Augenwinkeln sichtbar, als sie nun von dieser halbstündigen aber intensiven Audienz bei dem »ozeangleichen Lehrer« berichtet, einem unvergesslichen Moment ihres Lebens. »Viele Menschen empfinden Meditation als streng, aber das stimmt nicht. Meditation ist Sammlung, die für Menschen hierzulande oft ungewohnt und daher befremdlich erscheinen kann. In meinen Teezeremonien möchte ich mich aber auf die individuellen Befindlichkeiten der Menschen einstellen. Wer möchte, mit dem gehe ich in die stille Ruhe. Ansonsten kann es aber auch gesellig und lustig zugehen. Wichtig ist die Achtsamkeit und dass sich meine Gäste hier entspannen.«
Fast drei Jahre lang hat Pao-Yi Ku gemeinsam mit ihrem Mann die Einrichtung des Teehauses vorbereitet. Auf Chinareisen knüpften sie die notwendigen Kontakte, besuchten biologische Teeplantagen und erschlossen sich Stück für Stück die hochwertige Produktpalette, die künftig dem am Außergewöhnlichen orientierten Kunden angeboten werden soll. Am vergangenen Freitag ging dann für Pao-Yi Ku ihr lange gehegter Traum in Erfüllung, als sie zur Geschäftseinweihung beinahe 40 Besucher mit honiggefüllten Sesambällchen, mit Má-g¥, einer Süßspeise aus Reis oder Hirse, und chinesischen Teeproben bewirtete. Wem das zu exotisch war, der konnte auch mit landesüblichen Kuchen vorlieb nehmen, indessen er sich von Ku im rückwärtig gelegenen Schlosspark demonstrieren ließ, was es mit Tai-Chi eigentlich auf sich hat. Neben der inneren Ausgeglichenheit, die sich in den sanft fließenden Bewegungen dieser Formübung ausdrückt, ist es nicht zuletzt auch die äußere Ausgewogenheit, in der sich die inzwischen in zwei Kulturen beheimatete Pao-Yi Ku präsentiert, was den Eindruck erweckt, dass China und Europa entgegen aller Berührungsängste auch wunderbar harmonieren können.