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Semmelrogge traf "Woodstock"-Meiers Pointen punktgenau

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Artikel vom 03.10.2010 - 12.00 Uhr

Semmelrogge traf "Woodstock"-Meiers Pointen punktgenau

Lich - Im Grunde genommen gibt es zwei Möglichkeiten, eine Lesung zu rezipieren: einfach zuhören - oder tief in die Welt des Romans eintauchen. Die zweite Variante bekamen die Zuhörer geboten, die am Donnerstag zu Martin Semmelrogges Lesung aus Georg Meiers Roman »Mit dem Gibbon und John Lennon nach Ancona« ins Kulturzentrum Bezalel-Synagoge gekommen waren.
Bereiteten dem Licher Publikum am Donnerstag viel Freude: Schauspieler Martin Semmelrogge und der aus Gießen stammende Schriftst
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Bereiteten dem Licher Publikum am Donnerstag viel Freude: Schauspieler Martin Semmelrogge und der aus Gießen stammende Schriftsteller Georg Meier. (Foto: olz)
Auf Einladung des Vereins KünstLich machten der prominente Schauspieler und der vor fast 63 Jahren in Gießen geborene Schriftsteller Station in Mittelhessen, nachdem sie ihre gemeinsame Lesereise zuvor nach Dortmund und Duisburg geführt hatte.

Dieser Text, der im März 2010 im Dittrich-Verlag erschienen und nach »Alle waren in Woodstock außer mir und den Beatles« und »Härte 10« Meiers dritter veröffentlichter Roman ist, ist Semmelrogge auf den Leib geschrieben. Der burschikos-schnarrende Tonfall des Schauspielers, der unter anderem durch seine Rolle als Wachoffizier im Film »Das Boot« 1981 bekannt geworden ist, passte nahezu perfekt zur Geschichte um den alternden Drogendealer Willi Windhorst, der seinen letzten Coup plant. Denn auch dieser Windhorst ist ein Unikat. Von den meisten seiner Zeitgenossen abgestoßen und mit den vielen kleinen Skurrilitäten des Alltags - die Willi immer wieder zynisch und schwarzhumorig reflektiert - konfrontiert, lebt er einsam und zurückgezogen in seiner Hamburger Wohnung. Nur die Besuche seines besten Freundes und Kunden Achterbahn-Arno, einer Größe auf dem Kiez, und der Lebensgefährtin Carmen versprechen Abwechslung, als das Leben plötzlich eine rasante Wendung nimmt.

Nach 33 Jahren nehmen Windhorsts ehemalige Kommunarden Kontakt zu ihm auf. Als sie sich dem bewaffneten Kampf der RAF anschließen wollten, hatte sich der Dealer von ihnen losgesagt, doch jetzt führt das Schicksal sie wieder zusammen. Was er bislang nicht wusste: Einst hatten die Gefährten einen Mitwisser ermordet - und auf Willis Grundstück an der Dove-Elbe begraben. Das soll jetzt bebaut werden, der Mord droht aufzufliegen. Immer tiefer gerät Windhorst in den Sog dieser Geschichte, die von Beginn an die Rasanz einer Achterbahnfahrt entwickelt und bei der die Loopings im Text immer häufiger werden. Wer sollte geeigneter sein, diesen halsbrecherischen und triefend ironischen Plot zu inszenieren, als Semmelrogge.

Gewohnt spitzbübisch und mit viel Humor rezitierte der Schauspieler, der 1993 auch in »Schindlers Liste« zu sehen war, nicht nur aus Meiers erstklassigem Text. Er zelebrierte ihn vielmehr. Im Beisein des Autoren gelang Semmelrogge nichts weniger, als Willi Windhorst zu werden. Besonders authentisch vor allem in den zynischen Momenten des Textes - beispielsweise als Windhorst einen Bild-Leser als Schöngeist bezeichnet und dafür ein blaues Auge verpasst bekommt. Der Schauspieler traf punktgenau die Pointen, die vor allem von ihrer Beiläufigkeit leben. Nicht nur für das Publikum im ausverkauften Haus bedeutete das großen Spaß. Auch Semmelrogge und Meier, der in Hamburg lebt, konnten sich den einen oder anderen Lacher nicht verkneifen. Am Ende gab es für die gut zweistündige Lesung kräftigen Applaus. Insgesamt ein rundum gelungenes Vergnügen mit erstklassigen Künstlern. Stephan Scholz

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Artikel vom 03.10.2010 - 12.00 Uhr
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