Lich - Von Oberhessen über die Straße von Gibraltar ist es in diesen Tagen nur ein Katzensprung: Das Kino »Traumstern« zeigt bis morgen, jeweils 21 Uhr, Irene von Albertis ersten Langspielfilm »Tangerine«.
Am Freitag, 24 Stunden nach dem Bundesstart, war die Autorin und Regisseurin im Licher Filmkunsttheater zu Gast, stieß dort auf ein sehr interessiertes Publikum, das beim späteren Filmgespräch im Kino-Foyer nicht mit Fragen und (meist sehr positiver) Kritik hinterm Berg hielt.
Der nicht durchgängig prominent, wohl aber sehr gut besetzte Film zeigt, was geschieht, wenn überdrehte junge Menschen aus Berlin und weniger hippe junge Marokkaner versuchen, Freunde zu werden. Er nimmt dabei zwei Perspektiven zugleich ein. Irene von Alberti geht es, wie sie sagte, um den Zusammenprall der Kulturen. Allerdings nicht politisch, sondern ganz alltagspraktisch um die so unterschiedlichen Erwartungen der einen an die andere Seite. Darum, dass eine normale emotionale Begegnung bei allzu großen wirtschaftlichen Unterschieden nicht möglich ist. Fokussiert werden vor allem die Interessen der marokkanischen Seite - am Beispiel von (Gelegenheits-)Prostituierten, die sich eine Wohnung teilen. Auf sie stoßen die Berliner - ein Musikerpärchen mit Band, auf der Suche nach Identität und Inspiration - in einer Diskothek. Schicksalhaft die Begegnung der 21-jährigen Amira mit Tom und Pia, die dabei sind, die Qualität ihrer Beziehung auszuloten: Die Marokkanerin und der nur allzu coole Berliner lassen sich auf ein Liebesabenteuer ein - sie auf der Suche nach Freiheit, einem Visum für Europa, er in der Hoffnung, so bis an die »Roots of Rock ’n’ Roll« vorzustoßen.
»Tangerine«-Regisseurin Irene von Alberti (r.) im Gespräch mit der Licher Marokko-Freundin Gitti Naumann (»Café Sahne«). (Foto: no)
Dem Film merkt man an, dass Irene von Alberti den Drehort gut kennt. Sie ist oft und oft dort gewesen in Tanger, hat Dokumentationen über eine marokkanische Jugendliche und über Paul Bowles (»Halbmond«) gedreht. Die filmische Darstellung einer gesellschaftlichen Grauzone des Maghreb ist außerordentlich gut gelungen, was man auch der Mitarbeit von Karim Debbagh (»Kasbah-Films«) und der profunden Vor-Ort-Recherche der Autorin verdankt. Eine in sich stimmige Geschichte. Klasse Bilder, die einem als Flaneur den Mythos der Stadt vermitteln. Nicht zu vergessen die Musik: aktuelle Rai-Ohrwürmer und ein frischer »Soundtrack« aus der Feder des Beiruters Zeid Hamdan. No. Schmidt