Lich: "Ehren-Seule" der Marienstiftsbibliothek restauriert
Lich (bf/sha). »Das ist unser Kind«, hatte das Ehepaar Blankenburg aus Hamburg während seines Informationsbesuchs im Oktober des vergangenen Jahres in Lich spontan entschieden, als beide den zerschlissenen Prachtband aus dem Jahre 1669 durchblätterten und beschlossen, die Kosten für die Restauration zu tragen. Die beinahe 350 Jahre alte Leichenpredigt aus dem Bestand der Marienstiftsbibliothek behandelt als sogenannte »Ehren-Seule« die offizielle Trauerzeit anlässlich des Todes des Landgrafen Wilhelm VI. von Kassel.
Sind beeindruckt von dem literarischen Kleinod: (von links) Restaurator Jost Kohlschmidt mit Ehefrau, Wolfgang Pappe und die Vorsitzende des Bibliotheksausschusses Lieselotte Pastau. (Foto: bf)
Im Original hieß der Titel: »Ehren-Seule Dem Durchleuchtigsten Fürsten und Herrn/Hn. Wilhelm dem Sechsten Landgraffen zu Hessen/Fürsten zu Herßfeld/Graffen zu Catzenelenbogen ... Alß Sr. Fürstlichen Durchleuchtigkeit seeligst verblichenem Cörper den 27ten Octobris, des 1663ten Jahrs ... zu Cassel in das Fürstliche Begräbnis beygesetzt worden. Zur ewigen höchstpreiß- und glorwürdigsten Gedächtnüß Auffgerichtet«
Am 12. Februar dieses Jahres war es dann soweit: Der für die Marienstiftsbibliothek schon häufig tätige Buchbinder und Restaurator Jost Kohlschmidt gab das Werk in neuer Stabilität und Schönheit zurück. Um diese zu erreichen, musste unter anderem die völlig verzogene dreiteilige Buchdecke aus Pappe neu verleimt werden, zwei neue Ecken aus Pergament mussten angebracht und der völlig ausgelaugte Pergament-Überzug komplett neu aufgeleimt werden. Dies gelang überwiegend unter Verwendung des alten Materials. Die Faltblätter wurden geglättet, repariert und neu gefalzt. Bei diesen Arbeiten stellte sich heraus, dass nach 1669 bereits buchbinderische Korrekturen durchgeführt worden waren, vermutlich, weil zwei Portraits ausgetauscht oder ergänzt wurden. Dies ist erkennbar an der helleren Papierfärbung und dem gekürzten Seitenformat der beiden einseitig bedruckten Blätter. Bemerkenswert ist auch, dass das Vorsatzpapier ein Wasserzeichen in Form des landgräflichen Wappens aufweist. Das Buch beinhaltet neben den Leichenpredigten und deren Auslegungen auch die Familienchronik des Verstorbenen, angereichert mit ganzseitigen Portraits und eine Darstellung des aufgebahrten und zuvor einbalsamierten Verstorbenen.
Am stärksten beeindrucken die großformatigen ausklappbaren Abbildungen (sogenannte »Leporellos«). So zeigt eine den Trauerzug mit der exakten Wiedergabe der Reihenfolge und Benennung der Trauergäste während der Feierlichkeiten. Diese großflächigen Darstellungen (in diesem Fall Kupferstiche) konnten nur in Teilen gefertigt (»gestochen«) werden, und es ist bewundernswert, mit welcher Präzision diese Blätter aneinandergeklebt zusammenpassen.
Dr. Peter Ihring, Mitglied des Kirchenvorstands der Marienstiftsgemeinde, hatte in einem Vortrag im Sommer 2008 (Anlass war das Firmenjubiläum der »Klostermühle«) ausführlich die inhaltlichen und theologischen Aspekte der Buchgattung »Leichenpredigten« erläutert. In den damaligen Predigten, die bis zu zwei Stunden dauern konnten und die mitunter in mehreren Landesteilen gleichlautend gehalten wurden, ist den Verstorbenen in für uns heute unvorstellbarer Weise gehuldigt worden. Im Fall des Landgrafen sind mehr als ein Dutzend Predigtorte bekannt. Neben Kassel werden Rinteln, Marburg, Schmalkalden, Allendorf bei den Soden und Hersfeld genannt.
Hier einige Zitate: »So viel unseres hochseeligen Fürsten Leben und Wandel betrifft, ist derselbe keinem Laster ergeben gewesen.« An anderer Stelle: »Ach dass wir Wasser genug hätten in unserem Haupte, und unsere Augen Tränenquellen wären, dass wir Tag und Nacht beweinen möchten den Gefallenen in unserem Volke.« Als Gipfel der Huldigung und aus heutiger theologischer Sicht eher zweifelhaft: »Wann es möglich wäre, dass Gott sterben könnte, so wüssten wir keinen besseren an seiner Statt als den verstorbenen Landgrafen Wilhelm.«
Die Existenz von drei weiteren Exemplaren der »Ehren-Seule« ist bekannt: sie befinden sich in Dresden, Gotha und Göttingen. »Wir können stolz sein, ebenfalls ein solch seltenes und interessantes Werk in unserer Bibliothek zu haben«, so Wolfgang Pappe vom Bibliotheksausschuss.