So wurde Lifton schnell klar, dass von den Tätern nur wenig über ihre Taten zu erfahren ist und dass immer mitgedacht werden musste, was sie nicht sagten. Die Interviewpartner erwiesen sich als höfliche und durchaus offene Gesprächspartner. So konnte Lifton, unterstützt durch zahlreiche Gespräche mit Opfern, seine Erklärungsmuster für das Verhalten der Ärzte vor diesem historischen Hintergrund entwickeln.
Mehrere Stufen führten aus seiner Sicht zum Massenmord, ebneten Ärzten den Weg vom Heiler zum Mörder. Am Anfang stand die Zwangssterilisation, die als medizinischer Eingriff nicht nur in Deutschland legalisiert, aber von den Nationalsozialisten ideologisch rechtfertigt wurde. Die Euthanasie hatte man als medizinischen Eingriff definiert. Die Tötung von Säugligen durch immer höhere Dosen von Schlafmittel rechtfertigte mancher Arzt als vermeintlich milden Akt des »Einschläferns«. Zudem handelte es sich bei der Euthanasie im historischen Zusammenhang um die Tötung sogenannten »lebensunwerten Lebens«. Das medizinisch- ethische Konstrukt, das Ärzten eine Beteiligung an der Massenvernichtung ermöglichte, sieht Lifton schließlich im Begriff der »Volksgesundheit«: Auschwitz als klinisches Zentrum, das dem Erhalt der Volksgesundheit dient, da »Krankheiten ausgemerzt« werden. Folglich konnte der Dienst in Auschwitz als Dienst an der Menschheit interpretiert werden.
Die medizinisch-technischen Errungenschaften schufen dabei ebenso eine Distanz zum eigenen Handeln, das beispielsweise im Aufdrehen des Gashahns bestand, oder der Selektion ganzer Gruppen von Menschen an Stelle einzelner Individuen, wie das scheinbar eigenen Gesetzen gehorchende Vernichtungslager.
Die Mediziner standen im Herzen des Nationalsozialismus, der an deren historische Rolle als Schamanen, als Herrscher über Leben und Tod, anknüpfte und diese in sein mystisch verklärtes Weltbild integrierte. So neigte das totalitäre System dazu, den Ärztestand zu missbrauchen, weil es Teilhabe an der absoluten Macht über Leben und Tod versprach. In einem System, das sich wie der Nationalsozialismus als »angewandte Biologie« verstehe, hatten Ärzte, die zwar den hippokratischen Eid, aber auch einen Eid auf Hitler geschworen hatten, eine zentrale Rolle. Dennoch, so Lifton hoffnungsvoll, sei der Mensch nicht dazu verdammt, böse zu sein. Aber er müsse nun einmal Entscheidungen treffen.
So fällt der Blick der Zuschauer am Ende diese Films, der das Entstehen von Bildern der Sprache, wenigen Landschaftsaufnahmen und musikalischen Untermalung überlässt, auf einen Weg.
Dem Publikum wird vermittelt, warum kein anderer Berufsstand so gründlich »nazifiziert« war, wie jener der Ärzte. Die inneren Bilder wirken nach und werfen Fragen über »Halbgötter in Weiß« auf.