Die Kreisvolkshochschule hatte unter dem Titel »Bedrohung, Erlösung, Tabu! Von unserem Umgang mit dem Sterben« zu einer als »kultiviertem Streit« angelegten Veranstaltung mit Dr. von Lewinski und Prof. Gronemeyer eingeladen.
Journalistin Dagmar Hinterlang moderierte das Streitgespräch mit Dr. von Lewinski (links) und Prof. Gronemeyer. (Foto: us)
Lich (us). Der Jurist und Buchautor Dr. Manfred vor Lewinski hat keine Angst vor dem Ende des Lebens, aber vor den Umständen des Sterbens. Er möchte gehen können, wenn ihm selbst der richtige Zeitpunkt gekommen scheint. Um nicht zu drastischen Methoden greifen zu müssen, fordert er von der Gesellschaft, dass sie ihm Zugang zu geeigneten Medikamenten eröffnet. Von Lewinskis Postulat nach der »Freiheit zum Tode« fand am Donnerstag im VHS-Haus in Lich engagierte Gegenrede. Der Soziologe Prof. Reimer Gronemeyer befürchtet, dass die Debatte über Sterbehilfe und selbstbestimmten Tod den »gesellschaftlichen Druck zur Selbstentsorgung« vorantreiben wird. Er möchte, dass auch der leidende und pflegebedürftige Mensch einen Platz in der Gemeinschaft findet. »Bannen wir den Schrecken des Todes, indem wir die Freundschaft neu erfinden«, lautet seine Forderung. Die Leiterin der Kreisvolkshochschule, Dr. Marieanne Ebsen-Lenz, hatte unter dem Titel »Bedrohung, Erlösung, Tabu! Von unserem Umgang mit dem Sterben« zu der als »kultiviertem Streit« angelegten Veranstaltung eingeladen. Es moderierte die Journalistin Dagmar Hinterlang.
Freiheit braucht Regeln, also auch die Freiheit zum Tode, die von Lewinski an strikte Bedingungen knüpft. Die erste: »Das Leben ist solange unantastbar, solange der Mensch das will«. Aber wenn der Mensch sterben möchte, so soll er die Möglichkeit dazu haben. Von Lewinski verlangt den Todeswilligen – sehr preußisch – allerdings einiges ab. So sollen nur jene freiwillig aus dem Leben scheiden dürfen, die »sich aus ihren Pflichten gegenüber der Gesellschaft entlassen fühlen«. Und sie müssen selbst Hand an sich legen. Die Hilfe (freiwilliger) Dritter darf nur in Extremsituationen in Anspruch genommen werden. An jene, die ihr Ende nicht selbst herbeiführen, stellt der 72-Jährige ebenfalls Ansprüche. Sie dürfen nicht mehr Fürsorge in Anspruch nehmen, als die nachfolgende Generation erwarten kann, denn »wir Älteren haben schon lang genug über unsere Verhältnisse gelebt.« In letzterem Punkt ist der um zwei Jahre jüngere Gronemeyer mit seinem Kontrahenten von Lewinski einverstanden. Im übrigen nicht. Wie sehr sich »Sterben in Deutschland« (so der Titel eines seiner Bücher) im letzten halben Jahrhundert geändert hat, machte er am Beispiel seiner Großmutter deutlich. Die hatte 1953 einen Schlaganfall erlitten, wurde einige Tage lang von Tochter und Enkelsohn in der Wohnung gepflegt und starb. Niemand wäre auf die Idee gekommen, einen Arzt zu rufen. Heutzutage sterben 80 Prozent der Menschen im Krankenhaus, in Heimen oder – ganz wenige – im Hospiz. Viele sind so sediert, dass sie ihr Sterben nicht bewusst erleben. Alarmierend findet Gronemeyer die Aussage vieler alter Menschen, dass sie niemandem zur Last fallen wollen. Ein solcher Satz wäre seiner Großmutter in ihrem Gottvertrauen nie eingefallen. Doch heute flüstere die Gesellschaft den Alten ins Ohr: »Wenn Du nichts mehr kannst, dann brauchen wir dich nicht mehr.« Dieser unterschwellige Druck sei die eigentliche Gefahr und der Wunsch nach selbstbestimmtem Sterben nichts anderes als der Ausdruck moderner Einsamkeit. Dass später in der Diskussion aus dem Auditorium das Wort von dem »Wasserkopf an Alten« fiel, den die wenigen Jungen kaum versorgen könnten, wertete Gronemeyer »fassungslos« als Beweis, dass seine Befürchtungen zutreffen.
Wie sehr das Thema aufzurütteln vermag, zeigten die Reaktionen des Publikums, in dem die Positionen beider Referenten Befürworter und Gegner fanden. Mehrfach kam das Problem der alternden Gesellschaft zur Sprache, und Gronemeyer musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass seine »humanisierende« Idee von einer Gesellschaft, die die Alten und Kranken umsorgt, der Praxis nicht standhalten werde. Von Lewinski dagegen sah sich der Kritik ausgesetzt, den Menschen nach utilitaristischen, also »nützlichen«, Maßstäben zu bewerten. Die Brisanz des Themas wurde am Diskussionsbeitrag eines Arztes deutlich, der Schlaganfall-Patienten behandelt: »Früher hieß es: Wenn der Tod kommt, verlässt der Arzt das Zimmer. Heute lassen wir den Tod gar nicht mehr herein.« Auch er schalte in hoffnungslosen Fällen die Maschinen nicht ab, wenn die Angehörigen mit juristischen Sanktionen drohen.
In diesem Punkt kamen die beiden Referenten wieder überein. Eine »entfesselte Medizin, der wir weder ethisch noch gesellschaftlich gewachsen sind« (Gronemeyer), lehnen beide ab. Gerade hier müssten die Älteren mit Rücksicht auf die nachfolgenden Generationen ihre Ansprüche zurückschrauben. Nur ihre Schlussfolgerungen fallen anders aus. Während von Lewinski für die freie Entscheidung zur Selbsttötung plädiert, so setzt Gronemeyer auf die freiwillige Selbstbeschränkung. Er hofft, dass er im Falle einer Krebserkrankung stark genug wäre, sich einer Behandlung zu verweigern.
8 Für eine vertiefende Beschäftigung mit dem Thema bieten sich die Bücher der beiden Referenten an: Reimer Gronemeyer, »Sterben in Deutschland. Wie wir dem Tod wieder einen Platz in unserem Leben einräumen können«, ISBN-10: 3100287126; Manfred von Lewinski, »Ausharren oder gehen? Für und wider die Freiheit zum Tode«, ISBN-10: 3789282545