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Stadt Laubach benennt Straße nach Nazi-Gegner Kellner

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Artikel vom 24.03.2014 - 10.00 Uhr

Stadt Laubach benennt Straße nach Nazi-Gegner Kellner

Laubach (vh). Vier Buchstaben, ein Wort: »Nein«. Das war substanziell der Hintergrund einer Feierstunde am Samstag in der Gesamtschule. Offiziell umbenannt wurde an diesem Tag die an der Schule entlang führende Andree Allee zur Würdigung des bekanntesten Laubacher Nein-Sagers gegen die NS-Diktatur, Friedrich Kellner.

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Aus der Andree Allee ist die Friedrich-Kellner-Straße geworden. (Foto: vh)
© Volker Heller
Die Benennung der Straße nach dem ehemaligen Justizinspektor am hiesigen Amtsgericht, das in der Friedrichstraße 19 bis 1968 residierte, entsprach dem Parlamentsbeschluss vom Januar 2013 – als Würdigung des Nazigegners und gleichsam als »Mahnung an alle, immer und beständig für die Grundrechte und unsere Demokratie einzustehen« (Stadtverordnetenvorsteher Joachim M. Kühn).

Kellners »Nein« zu Hitler und seiner Herrschaft geschah im Stillen. Er protestierte individuell im Verborgenen. In der Dienststube und seiner Dienstwohnung hatte Kellner stets Papier und Tinte bereit liegen, fixierte ihm zugängliche Informationen nebst Kommentaren in Tagebuchform. 676 einzeln datierte Tagebucheinträge sind erhalten, dazu über 500 Zeitungsausschnitte.

Sascha Feuchert Gastreferent

Kellner (1885-1970) war weder Parteimitglied noch -Funktionär, machte aus seiner ablehnenden Haltung jedoch keinen Hehl und sich damit unbeliebt. Anscheinend überschritt er nie eine Grenze, die ihn, den Justizmitarbeiter, selber angreifbar gemacht hätte. Angedroht worden war ihm das KZ schon. Kellner hatte vermutlich eine große Portion Glück gehabt und womöglich auch einen unbekannten Fürsprecher, der Unbill abhielt.

Wie mehrfach von dieser Zeitung berichtet, dauerte es noch über 60 Jahre, bis die Tagebücher dank des Kellner-Enkels ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurden, später auch in Buchform unter dem Titel »Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne«. Mitherausgeber der zweibändigen Ausgabe sind der Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen, Dr. Sascha Feuchert, und eben Enkel Robert Scott Kellner, der sich lange Jahre vergeblich um Publikationsinteresse bemüht hatte. Feuchert, ehemals Schüler des Laubach- Kollegs, hielt den Vortrag zur Bedeutung der Aufzeichnungen Kellners, mit denen der Autor nachfolgenden Generationen sozusagen eine gesellschaftspolitische Waffe anreichen wollte. Ausgehend von Kellners stillem Widerstand skizzierte Feuchert die Schwere des jeweiligen Neins in der jeweiligen Gesellschaft. Der totalitäre Staat baue sein Selbstbewusstsein auf totale Zustimmung. Selbst vereinzelter Widerstand schaffe Erschütterungen, sei deshalb im Keim zu ersticken. Feuchert erhielt vom Auditorium in der gut besuchten Veranstaltung langen Applaus.

Stadtverordnetenvorsteher Joachim M. Kühn begrüßte die Zuhörer. Darunter Bürgermeister Peter Klug, Ehrenbürgermeister Alfred Funk, SPD-Fraktionsvorsitzender Hartmut Roeschen, Schuldirektor Wolfgang Hölzer, Schülervertretungen der Gesamtschule und des Kollegs, Anlieger der umbenannten Straße und Studenten der Gießener Universität.



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