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»Die wollen nach Hungen - aber nur in die Gießener Straße«

Artikel vom 26.03.2009 - 20.30 Uhr

»Die wollen nach Hungen - aber nur in die Gießener Straße«

Hungen (us). In Hungen formiert sich breite Unterstützung für den Bau eines Aldi-Marktes am westlichen Stadtrand. Nicht nur sämtliche Gewerbetreibende, die mit ihren Betrieben in der Gießener Straße am Ortseingang ansässig sind, unterstützen das Vorhaben. Auch der Gewerbeverein als Vertreter des Handels geht davon aus, dass ein zusätzlicher Discounter positive Impulse setzen könnte.
Doch das Gießener Regierungspräsidium haben die Fürsprecher bislang nicht erweichen können. Die Behörde lehnt die Ansiedlung eines Aldi gleich neben dem bestehenden Rewe-Supermarkt nach wie vor ab. Noch nicht einmal einer Mediation, also dem Versuch einer gütlichen Einigung, wollte der RP zustimmen.

Jetzt ist die Kontroverse vor dem Verwaltungsgericht anhängig, Klägerin ist die Stadt Hungen. »Wir warten auf einen Termin«, sagt Albrecht Nies, der Betreiber des Rewe-Marktes, der sich vehement für den Aldi in seiner Nachbarschaft einsetzt. Unterstützung erhält er dabei von seinen Nachbarn Christel Hahn (Baustoffhandel Mühl), Dirk Puschner (Computer und Software), Andreas Woratsch (FKW Baufachmarkt), Metzermeister Norbert Weil sowie der Vorsitzenden des Hungener Gewerbevereins, Gabriele Dölling-Reichhardt und ihrem Stellvertreter Andreas Paul.

Dass ein Kaufmann partout die Konkurrenz gleich vor der Nase haben möchte, erscheint auf den ersten Blick paradox. Doch Nies führt gleich eine ganze Reihe von Gründen an. Der wichtigste: Aldi sei ein Frequenzbringer. »Es ist einfach so, dass die Leute ein-, zweimal im Monat zu Aldi fahren. Davon wollen wir profitieren.« Der Bau des Discountmarktes könne zudem dazu beitragen, den optischen Eindruck am Ortseingang zu verbessern und hier im Verein mit den benachbarten Betrieben einen stabilen Einzelhandelsstandort mit einem vielfältigen Angebot zu schaffen. Sehr enttäuscht zeigt sich Nies von dem Umstand, dass sich mit Regierungspräsident Wilfried Schmied ausgerechnet ein ehemaliger Hungener Bürgermeister gegen die Pläne sperrt und noch nicht einmal zur Mediation bereit ist. Auch Mühl-Geschäftsführerin Hahn versteht die Ablehnung nicht. »Die Infrastruktur ist da, ein Investor ist da, die IHK und die Nachbarstädte haben keine Einwände«, sagt sie. »Konkurrenz belebt das Geschäft. Am schlimmsten wäre es, wenn die Leute woandershin einkaufen fahren würden.« Das sehen die Vertreter des Gewerbevereins genauso. »Wir wollen die Kaufkraft in Hungen halten«, sagt Dölling-Reichhardt. »Und wir wollen das im Miteinander tun«, ergänzt Andreas Paul.

Doch das Regierungspräsidium hält an seinem Standpunkt fest, dass ein weiterer Discounter am Stadtrand den innerstädtischen Handel schwächen und damit die Ziele der mit Millionen aus öffentlichen Kassen geförderten Stadtsanierung konterkarieren würde. In einem Briefwechsel mit Kaufmann Nies weist RP Schmied darauf hin, dass ein zusätzlicher Aldi-Markt in der Gießener Straße zu einer 27-prozentigen Kaufkraftüberschreitung in Hungen führen und damit Umsätze aus der Innenstadt abziehen würde.

Solche Argumente findet Nies allerdings hypothetisch. In der Innenstadt gebe es zurzeit einen einzigen Lebensmittelmarkt, nämlich seinen eigenen »kleinen Rewe«. Damit sei Hungen besser dran als vergleichbare Städte, in deren Zentrum es gar keinen Vollsortimenter mehr gebe. Doch der vor einiger Zeit auf 900 Quadratmeter erweiterte Laden am Bürgerpark sei lediglich in Verbindung mit dem »großen Bruder« in der Gießener Straße und dank Synergien bei Werbung, Verwaltung, Fuhrpark und teilweise auch Personal ohne Verluste zu betreiben. Man müsse nur diese Erfahrung zugrunde legen um zu wissen, dass sich an diesem Standort kein weiterer Discounter platzieren wird. Die Hoffnung des Regierungspräsidiums auf einen weiteren Frequenzbringer am Bürgerpark werde sich nicht erfüllen. »Dafür findet sich kein Betreiber«, ist sich Nies sicher. Deutliche Kritik übt der Rewe-Kaufmann in diesem Zusammenhang am Sanierungsträger, der Gesellschaft für Städtebau aus Worms (GSW). Deren Vertreter sei wohl in erster Linie daran gelegen, das Sanierungskonzept zügig umzusetzen. »Dann ziehen sie weiter zum nächsten Projekt«, prophezeit Nies. »Der Zeit nach der Beendigung der Innenstadtsanierung und der Zukunft der Hungener Handwerker und Geschäftsleute scheint man von behördlicher Seite als auch vom Sanierungsträger selbst wenig Beachtung zu schenken«, schreibt er in einem Brief an den RP.

Was den Marktbetreiber beunruhigt, ist nicht so sehr die aktuelle Situation, sondern der Blick in die Zukunft. »Momentan stehen wir gut da«, sagt er selbst über seine Märkte. Doch in den Städten rundum schlafe man nicht. Auf der Harb bei Nidda entstehe ein Gartencenter, in Wölfersheim und Lich würden weitere Märkte gebaut. Hungen laufe Gefahr, Schritt für Schritt abgeschaltet zu werden. Noch habe Aldi Interesse. »Die wollen nach Hungen«, weiß Nies - »aber nur in die Gießener Straße«. Das Unternehmen habe allerdings bereits signalisiert, dass es auch in Lich investieren würde, falls sich der Hungener Standort nicht realisieren lasse. »Dann wäre der Zug für uns ein für allemal abgefahren«, sagt der Kaufmann.

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Artikel vom 26.03.2009 - 20.30 Uhr
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