Hungen (dpa). Ein betagtes Ehepaar aus dem Kreis Gießen weiß, was nach dem Tod passiert: Lieblingslieder wird es geben, schöne Fotos und ganz persönliche Lebensrückblicke. Denn gemeinsam mit der freien Theologin Monika Kauer-Hain aus Obbornhofen hat das Paar die Gestaltung der eigenen Trauerfeiern bereits jetzt verfügt. Seit einem Jahr bietet die 42-Jährige diesen ungewöhnlichen Dienst an. »Es kostet Mut, sich mit der eigenen Beerdigung zu beschäftigen«, sagt sie. Doch wer es wage, werde mit wichtigen Einsichten belohnt.
Die freie Theologin Monika Kauer-Hain aus Obbornhofen schreibt quasi Nachrufe für Lebende, fertigt deren »Lebensporträts«. (Foto: dpa)
Die promovierte Theologin aus Obbornhofen arbeitet seit 2005 freiberuflich. Sie gestaltet insbesondere Zeremonien für Hochzeiten und Beerdigungen jenseits der Kirche. Der Kontakt zu dem Ehepaar brachte sie auf die Idee, bei der Planung von Trauerfeiern auch einmal die »Betroffenen« vorher einzubeziehen. Das Paar hatte sie angerufen, als es eine Mappe mit wichtigen Unterlagen für die eigenen Beerdigungen zusammenstellte und nun noch ihre Adresse hinzufügen wollte. Beim ersten Telefonat schlug Kauer-Hain vor, gemeinsam all das zu besprechen, was üblicherweise nur noch mit den Hinterbliebenen geklärt werden kann.
»Die beiden waren sehr offen dafür«, erzählt Kauer-Hain. Das sei nicht alltäglich, da die Beschäftigung mit dem Tod oder gar der eigenen Abschiedsfeier meist ein Tabu sei. Die Rentner teilten ihre Erinnerungen mit der Theologin, berichteten über Schönes und Schweres.
Sie verfasste danach die Lebensgeschichten der beiden. Ihr sei wichtig, dabei nicht allein die biografischen Daten zu vermitteln, sondern auch die Dinge »zwischen den Zeilen des Lebenslaufs« festzuhalten. Für die Nordwetterauerin sind es daher keine Nachrufe zu Lebzeiten, die sie schreibt, sondern »Lebensporträts«.
Die je zwei Seiten bedruckten Papiers warten nun zusammen mit den extra angefertigten Porträtfotos, den Entwürfen der Traueranzeigen oder den bereits festgelegten Elementen der späteren Zeremonien auf ihren Einsatz. Kauer-Hain hat bei ihrer Arbeit gemerkt, dass die Gedanken über die eigene Abschiedsfeier sinnvoll sein kann: »Es ist sehr schön zu sehen, dass das alles nicht nur für irgendwann später gut ist, sondern auch für jetzt.« Manche Menschen entdeckten durch die Gespräche mit ihr verborgene Charakterzüge. Andere merkten, was ihnen in ihrem Leben fehlt oder was sie besonders mögen. »Man entdeckt dabei auch den Wert des Alltäglichen«, sagt Kauer-Hain.
Während ihrer Arbeit sei ihr klargeworden, wie schnell das Leben vorbei sein kann, sagt die 42-Jährige. Auch sie habe sich deshalb hingesetzt, um ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben und eine Auswahl an Gestaltungselementen zu treffen, die bei ihrer Trauerfeier Verwendung finden dürfen. Wichtige Lieder zum Beispiel oder Texte, die sie gerne mag. Manches sollen die Hinterbliebenen aber auch selbst entscheiden.
Klare Angaben würden die Trauernden zwar entlasten, meint die Theologin. Die könnten so sicher sein, was sich der Verstorbene für den Abschied gewünscht hätte. Dabei sollte aber Raum bleiben, damit die Angehörigen eigene Ideen umsetzen können.
Diese Art der Beschäftigung mit dem eigenen Tod habe etwas vom »Kratzen an einem Tabu«, meint Kauer-Hain. »Aber mir hat das Freude gemacht und mir das Schöne und Wertvolle in meinem Leben bewusst gemacht.«