Hungen (gl). Wer im Spätmittelalter Hungen betreten wollte, der tat dies durch das Unter- oder Obertor. Ersteres ist nun im Zuge der Sanierungsarbeiten in der Ortsdurchfahrt freigelegt worden und wird von den Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege untersucht und dokumentiert. Wie Grabungsleiterin Katharina Mohnike gestern im Beisein von Mario Schneider als Vertreter der Stadt Hungen der Presse erläuterte, sind die gefundenen Fundamente und die Reste des Stadttores von einer solchen »Massivität und Vollständigkeit, die uns Archäologen freut«.
In der Untertorstraße sind die Archäologen (Grabungleiterin Katharina Mohnike im Gespräch mit Mario Schneider von der Stadt Hungen) auf Reste des alten Stadttores gestoßen.
Bereits zu Beginn der Baumaßnahme - zunächst in der Untertorstraße, später in der Obertorstraße werden Kanal- und Wasserleitungen erneuert und die Straße neu gestaltet - waren die Archäologen auf interessantes Material außerhalb der alten Hungener Stadtmauer gestoßen. Wie die AZ bereits berichtete, wurden mächtige Fundamente freigelegt, die möglicherweise einer Bastion zugerechnet werden können, die der Stadt in dem dort flachen Gelände zusätzlichen Schutz bot und in der Wachleute - wohl auch aus der Bürgerschaft - ihren Dienst versahen. Auch das ehemalige Straßenpflaster wurde freigelegt. Noch heute sind in den gerundeten Basaltsteinen Fahrspuren großer Fuhrwerke zu erkennen, die einst in die Stadt Hungen und aus ihr heraus fuhren. Immerhin befand man sich in der Nähe einer gut frequentierten Handelsstraße.
Die aktuellen archäologischen Arbeiten in der Untertorstraße konzentrieren sich auf den Bereich des einstigen Stadttores. Aus Urkunden weiß man, dass Hungen im 14. Jahrhundert Stadtrecht erhielt und ab dieser Zeit auch mit einer Stadtmauer geschützt wurde. Hungen war eben eine typische kleine Stadt für das Spätmittelalter. Das Untertor wurde - nach Einschätzung der Archäologen - wohl etwa um 1381 errichtet und dürfte eine Höhe von acht bis zehn Metern gehabt haben.
Doch davon ist heute nichts mehr zu erkennen, denn Ober- wie Untertor wurden im frühen 19. Jahrhundert abgerissen. Die Archäologen sind bei den Ausgrabungen aber auf die Fundamente und den mächtigen Steinsockel der Torkonstruktion gestoßen.
Eine Skizze aus dem 17. Jahrhundert gibt Aufschluss darüber, wo die Stadtmauern Hungens einst verliefen.
Es existiert eine Skizze aus dem 17. Jahrhundert, auf der der ursprüngliche Verlauf der Stadtmauer gut zu erkennen ist. Da sich die Struktur der Stadt Hungen seit dem späten Mittelalter nicht wesentlich geändert hat, können die Archäologen bei ihren Ausgrabungen dem Verlauf der Unter- und später Obertorstraße folgen - so wie bis vor wenigen Wochen die Autofahrer durch Hungen gefahren sind, so taten es auch schon im Spätmittelalter die Kutscher mit ihren Fuhrwerken. Allerdings nicht in der Nacht, denn dann waren die Tore zum Schutz der Stadtbewohner verschlosssen.
Noch etwa drei bis vier Wochen werden die Archäologen für den Abschnitt am Untertor zur Verfügung haben. In der nächsten Woche wird mit einen Kleinbagger gearbeitet.
Im Verlauf der Ausgrabungen wurden neben den Mauerresten auch jede Menge andere Funde freigelegt. Dabei handelt es sich um Alltagsgegenstände wie Scherben von Keramikgefäßen und glasierte Ofenkacheln, Knochen und Eisengeräte. Ein fast vollständig erhaltener Krug (siehe Foto) gehört dabei zu den spektakuläreren Funden, der Rest ist eher weniger wirklich Vorzeigbares. Münzen oder gar Goldstücke, die man eigentlich im Bereich eines Stadttores vermuten dürfte, haben Katharina Mohnike und ihr vierköpfiges Grabungsteam bislang merkwürdiger Weise nicht gefunden. Die Hungener haben offenbar schon damals gut auf ihr Geld aufgepasst.
Alle Funde werden von den Archäologen genau dokumentiert. Sie werden gezeichnet, fotografiert und eingemessen, damit ihre Lage und ihr Aussehen der Nachwelt erhalten bleiben, auch wenn sie in der Wirklichkeit dem neuen Kanal weichen müssen.
Mit Spannung erwarten die Archäologen schon das, was sie im Bereich hinter dem Untertor finden werden, wo die eigentliche Besiedlung in Spätmittelalter und früher Neuzeit war. Dort dürften in den nächsten Wochen Reste alter Wohnhäuser und Siedlungsschichten auftauchen, die Rückschlüsse zur genaueren Datierung ermöglichen. Und es wird auch wohl der ein oder andere Hausrat früherer Bewohner aus der Erde geholt werden können. »Darauf warten wir schon ganz sehnsüchtig«, so Grabungsleiterin Mohnike, die noch einmal darauf hinweist, dass die Archäologen jederzeit gerne Zuschauern für Erläuterungen zur Verfügung stehen.
Dass angesicht einer geschätzten Bauzeit bis April 2010 für die Strecke Untertrostraße bis Bitzenstraße und anschließendem Fortgang der Arbeiten in der Obertorstraße bis zum Bahnübergang auch kritische Stimmen wegen der »Verzögerung« der Arbeiten durch die Archäologen laut werden, verwundert nicht. Doch wie Mario Schneider für die Stadt ergänzt, tut man seitens der Verwaltung alles, um die Belastungen - auch für die anliegenden Geschäfte - so gering wie möglich zu halten.
Und der ein oder andere kann dem Einkaufsvergnügen in der Hungener »Quasi-Fußgängerzone« mit Blick auf die Grabungen durchaus auch etwas Positives abgewinnen.