Hungen (tr). Auf Einladung der Hungener Arbeitsgruppe »Spurensuche« war am Dienstag Henriette Kretz als überlebende Zeitzeugin des Holocaust in der Gesamtschule in Hungen zu Gast.
Gestern Abend wurde am Hungener jüdischen Friedhof der deportierten Juden gedacht, die einst in Hungen lebten. Rechts im Bild: Professor Gottfried Erb von der Arbeitsgruppe »Spurensuche«
Sie hat als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt. Um ihre Geschichte auch Schülern näher zu bringen, arbeitet sie seit Jahren mit dem Maximilian-Kolbe-Werk zusammen. Henriette Kretz wurde 1934 in Polen geboren und lebt heute im belgischen Antwerpen. Ihre Familie jüdischen Glaubens lebte bereits seit 300 Jahren in Polen. Ruhig und sachlich schilderte Henriette Kretz den rund 150 Schülern ihre Kindheitserlebnisse.
Was die 74-Jährige in der Aula berichtete, war für die Schüler der Jahrgangsstufen 10 und 13 ergreifend und erschütternd. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen änderte sich das Bild im idyllischen Städtchen Lemberg auch für Henriette Kretz und ihre Familie. Der Vater war Arzt, die Mutter Anwältin, und Henriette - ein Einzelkind - war der Schatz der Familie. Für sie war die Mutter da. »Ich war die Prinzessin«, erzählte die Frau den Schülern. »Meine Welt war in Ordnung, die Kindheit unbeschwert. Man hat mir jeden Wunsch erfüllt.« Dass sie Jüdin war, spielte bis dato keine Rolle.
Doch dann wurde die Familie aus der Wohnung vertrieben und in ein Ghetto eingesperrt. Durch viele glückliche Umstände und das Verhandlungsgeschick des Vaters entkam die Familie immer wieder aus den Fängen der Gestapo. Im Alter von acht Jahren wurde Henriette Kretz ins Gefängnis eingesperrt, kam aber wieder frei.
In Hungen berichtete sie: »Später erfuhr ich, dass meine Eltern einen Juden bestochen hatten, der mit der Gestapo zusammenarbeitete.« Wieder in ein Ghetto gesperrt, wurde der Hunger unerträglich: Gras habe sie gegessen, erzählt Henriette Kretz. Die Familie, die einen Winter lang in einem lichtlosen Kohlenkeller ausharrte, wurde verraten. Mutter und Vater wurden erschossen, Henriette konnte fliehen. Bei einer Patientin ihres Vaters, einer krebskranken Nonne, konnte sich die damals Elfjährige verstecken. Als einen Monat später die russische Armee kam, bedeutete dies für sie Befreiung.
Zu Beginn des Berichts hatte Schulleiter Ingolf Hoefer Henriette Kretz begrüßt und der Hungener Arbeitsgruppe »Spurensuche« gedankt, die sich seit Jahren um das Schicksal der jüdischen Familien, die einst in Hungen lebten, annimmt. In Zusammenarbeit mit dem Maximilian-Kolbe-Werk hat sie es ermöglicht, dass die Schüler den Erfahrungen einer Überlebenden zuhören konnten. Zeitzeugengespräche, so Hoefer, werden immer wichtiger, diese Menschen seien die Letzten, die davon berichten können.