Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Kreis » Städte und Gemeinden » Heuchelheim »

Botschaft gegen Krieg: »Odyssee eines 999ers«

Artikel vom 31.07.2010 - 16.15 Uhr

Botschaft gegen Krieg: »Odyssee eines 999ers«

Heuchelheim/Linden. »Ich dachte nicht daran, hier für Führer, Volk und Vaterland zu sterben, sondern nur noch daran, wie ich lebend herauskommen könne.« Der sinnlose Weltkrieg hatte Peter Czyba nach Tunesien verschlagen, an einen Sieg der Deutschen glaubten nur noch die Fanatiker, Czyba zählte nicht zu ihnen.
Simone Klinkerfuß mit dem Buch, das ihr Vater geschrieben hat.
Lupe - Artikelbild vergrössern
Simone Klinkerfuß mit dem Buch, das ihr Vater geschrieben hat.
»Er war ein Friedensträger«, sagt seine Tochter über ihn. Die Lindenerin Simone Klinkerfuß erinnert sich an das, was sie an ihrem Vater, der im vergangenen Jahr im Alter von 88 Jahren verstorben ist, besonders bewundert hat und was sie auch über seinen Tod hinaus sehr fasziniert.

Czyba hat in jungen Jahren als deutscher Soldat die Schrecken des Zweiten Weltkriegs erlebt - Sadismus und Leiden, Sinnlosigkeit und Fanatismus, aber auch Freundschaft und das, was Sabine Klinkerfuß heute als »Schutzengel« bezeichnet. Peter Czyba schrieb ein Buch, brachte es gemeinsam mit seiner Tochter und Georg Bremer als Lektor heraus. Es trägt den Titel »Odyssee eines 999ers - Die Erlebnisse eines jungen deutschen Soldaten des Strafbataillons 999, den es auf abenteuerlichen Wegen von Russland über Tunesien nach Amerika verschlug«. Die Veröffentlichung hat Czyba, der jahrzehntelang in Heuchelheim wohnte, nicht mehr erlebt. Der Nachwelt aber hat er über die reine Erzählung hinaus eine Botschaft hinterlassen, die auch seine Tochter sehr geprägt hat: »Krieg ist keine Lösung!«

Mit einer Erkrankung und dem Fälschen des Marschbefehls beginnt die »Odyssee«

Drei Häftlinge im Gefängnis im Mogilev, rechts Peter Czyba
Lupe - Artikelbild vergrössern
Drei Häftlinge im Gefängnis im Mogilev, rechts Peter Czyba
Das Erlebte ist tatsächlich eine Odyssee, lässt den Leser - was die langen Bewegungslinien auf der Weltkarte betrifft, teilweise auch an »Soweit die Füße tragen« erinnern. Peter Czyba ist 19, als er als Infanterist in den gerade begonnenen Krieg gegen Russland ziehen muss. Wegen vereiterten Füßen kommt er in ein Lazarett, auf dem Weg zurück zur Front kommen eine Erkrankung und das Fälschen des Datums auf dem Marschbefehl zusammen, so dass er und drei Kameraden wochenlang hinter der Front umherirren und die Truppe nicht wiederfinden. Sie werden als vermeintliche Fahnenflüchtige in ein Gefängnis gesteckt, erleben die Willkür der SS. Von einem Kriegsgericht wird Czyba zunächst zur Frontbewährung bei der Stammeinheit, später aber dann doch zu zwölf Jahren Straflager und schließlich zu vier Jahren Zuchthaus in der Heimat verurteilt. Es folgen die Inhaftierung in einem Zuchthaus in Berlin, das Martyrium im Moorstraflager von Esterwegen im Emsland und dann, 1942, die Erklärung, dass Czyba als Angehöriger des Strafbataillons 999 an die Front »könne«. Im schwäbischen 999er-Lager Heuberg erlebt Czyba teuflischen Drill und eine Exekution mit.

Die nächsten Stationen der »Odyssee« sind Belgien, Südfrankreich und Italien. Der junge Soldat verpasst in Neapel seinen Flug nach Tunesien und hat damit Glück, denn die meisten seiner Kameraden werden von britischen Jagdflugzeugen abgeschossen. Dass ihr Vater in Neapel die Maschine verpasst hat, »muss Gotteswille gewesen sein«, ist sich Simone Klinkerfuß sicher. In Afrika sehnt es Czyba - angesichts der Sinnlosigkeit des Krieges und der Angst davor, in solch jungen Jahren für das Sinnlose sein Leben zu lassen - herbei, von den Alliierten gefangen genommen zu werden. Dies geschieht durch die Engländer, die den Soldaten schließlich an die Amerikaner übergeben.

Als »Prisoner of War« kam Czyba in die USA

Peter Czyba als »Prisoner of War« im Jahre 1943 in Hearne.
Lupe - Artikelbild vergrössern
Peter Czyba als »Prisoner of War« im Jahre 1943 in Hearne.
Im Mai 1943 erfolgt die Überfahrt von Casablanca nach New York. Czyba ist nun ein »Prisoner of war«, ein Kriegsgefangener. Seine Tochter nennt die Phase in den USA eine »schlaraffenlandmäßige Zeit«. Czyba ist im texanischen Hearne interniert, danach in Albuquerque und Santa Fe. In dem Abschnitt über die Zeit in den Vereinigten Staaten gibt es - und auch das zeichnet das Buch aus - die schlimmen Ereignisse, etwa den Terror der inhaftierten SS-Männer, und es gibt die lockeren, die heiteren Momente, die Frauengeschichten. Und es ist bezeichnend für den Autor und Menschen Peter Czyba, dass er sich in dem Kapitel, in dem er das Erleben des Kriegsendes in den fernen USA beschreibt, nicht seitenweise mit Erleichterung befasst, die es sicherlich zu Recht gegeben hat. Stattdessen geht er auf den dunkelsten Teil deutscher Geschichte, auf den Holocaust, ein: »Die Alliierten hatten Dokumentarfilme von den deutschen Konzentrationslagern gedreht, die auch hier den amerikanischen Soldaten gezeigt wurden. Wir mussten uns diese Filme ebenfalls in einem Kino ansehen. Die meisten packte das Entsetzen angesichts der Leichenberge in den KZs und der zu Skeletten ausgemergelten Überlebenden. Solche Bestialitäten der Nazis, die plötzlich enthüllt wurden, hatte sich keiner von uns vorstellen können. Und mit einem Mal schämten wir uns, Deutsche zu sein. Nur einige Super-Nazis meinten, die Filme seien gestellt und entsprächen keineswegs der Wahrheit.«



Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 31.07.2010 - 16.15 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang