Grünberg (us). Die junge Frau auf dem Foto macht einen selbstbewussten Eindruck: In langem Mantel und Glockenhut steht sie in freier Natur. Geradewegs schaut sie in die Kamera, das motorisierte Fahrrad fest im Griff. Das Bild zeigt die Fotografin Marie Kinkel. Der gebürtigen Harbacherin ist eine Ausstellung gewidmet, die am Freitag, dem 6. August, im »Museum im Spital« in Grünberg eröffnet wird.
Ausgesuchte Fotografien der sehenswerten Marie-Kinkel-Ausstellung im »Museum im Spital«: die Fotografin selbst.
Für Museumsleiterin Karin Bautz ist Marie Kinkel eine typische Vertreterin ihrer Zeit. Nach dem Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik, erlebte Deutschland einen Modernisierungsschub. Die »neue Frau« strebte nach Emanzipation, nach finanzieller und emotionaler Selbstständigkeit. Die Fotografie entwickelte sich in diesen Jahren zum Frauenberuf. »Die Kamera wurde zu einem Instrument der Selbstbestimmung und erlaubte Freiräume, ausgehend vom persönlichen Blick auf das individuelle Leben«, heißt es in dem Faltblatt, das das Museum zur Marie-Kinkel-Ausstellung herausgegeben hat.
Marie Kinkel wurde 1896 als Tochter des Revierförsters in Harbach geboren. Sie wuchs im Forsthaus auf. Ihre Ausbildung zur Fotografin absolvierte sie im Fotoatelier von Karl Borst im Seltersweg in Gießen. Anschließend arbeitete sie freischaffend. Zu Fotoaufträgen in der Region reiste Kinkel auf dem Motorrad, die Fotoausrüstung war in den Packtaschen verstaut.
Die Besatzer nahmen ihr die Fotoausrüstung weg und beendeten ihr kreatives Schaffen
Ausgesuchte Fotografien der sehenswerten Marie-Kinkel-Ausstellung im »Museum im Spital«: ein Hochzeitszug.
Karin Bautz gibt im Flyer auch Auskunft über das breit gefächerte Schaffen von Marie Kinkel: »Porträtaufnahmen rücken Privates und Persönliches ins Blickfeld, ihre Fotografien von Menschen bei der Arbeit und beim Feiern geben einen Einblick in den Alltag, aber auch in die Fest- und Feiergewohnheiten im Oberhessischen in den Zwanziger Jahren. Häufig wurde für die Aufnahmen im Hof des Forsthauses ein Atelier simuliert. Die Porträtierten traten mit erkennbarem Stolz mit für sie wichtigen Requisiten vor die Kamera: Schornsteinfeger mit Kehrbesen, Landarbeiter mit Schaufeln und Hacken.«
1931 zog Marie Kinkel nach Göbelnrod. Über ihr weiteres berufliches Fortkommen ist kaum etwas bekannt. Die Requirierung ihrer Fotoausrüstung durch die amerikanischen Besatzungssoldaten nach Kriegsende 1945 beendete das fotografische Schaffen Marie Kinkels endgültig. Die unverheiratete Frau lebte bis zu ihrem Tod 1976 im Forsthaus in Göbelnrod.
Die Fotografin arbeitete mit lichtempfindlichen Glasplatten-Negativen. Nur ein kleiner Teil davon ist erhalten geblieben, zudem gibt es Papierauszüge aus späterer Zeit. Die Nachfahren Marie Kinkels haben das Material dem »Museum im Spital« für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Leider seien die Negative nicht datiert, bedauert Karin Bautz. Auch sei nicht bekannt, wo und bei welcher Gelegenheit die Aufnahmen entstanden sind. In der Ausstellung werden rund 50 Bilder gezeigt.
Marie Kinkel - Fotografien aus Oberhessen - Die Ausstellung ist vom 6. August bis 24. Oktober im »Museum im Spital« in Grünberg, Hintergasse 24, zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs von 18 bis 21 Uhr, freitags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr. Zudem werden zwei öffentliche Führungen angeboten: am Mittwoch, 29. September, um 19 Uhr und am Sonntag, 17. Oktober, um 15 Uhr. Der Eintritt ins Museum kostet drei Euro, ermäßigt zwei Euro.