Grünberg vor 65 Jahren gleich zweimal Ziel schwerer Angriffe
Grünberg (jec). Wie jedes Jahr, exakt um 11.45 Uhr, läuten heute wieder die Glocken der Grünberer Stadtkirche. Am 13. März 1945, auf den Tag vor 65 Jahren, nur zwei Wochen vor der Besetzung durch US-Streitkräfte, fielen die ersten Bomben auf die Stadt, zwei Stunden später folgte die zweite Welle. Rund 150 Menschen kamen ums Leben.
Karl Werner aus Odenhausen/Lda: Er war er auf der Sparkasse, starb auf dem Weg nach Hause.
Bei vielen Hinterbliebenen hat das Geschehen seelische Verletzungen hinterlassen, allen Zeitzeugen ist es unvergessen. Die »Allgemeine Zeitung« versuchte, auch zu diesem Jahrestag, in Gesprächen mit Überlebenden die Ereignisse, den Irrsinn des von Nazi-Deutschland entfachten Krieges in Erinnerung zu rufen. Einige der Zeitzeugen schilderten erstmals ihre teils traumatischen Erlebnisse. Die Recherchen des Heimatkundlers Horst Jeckel (Rabenau) brachten überdies bisher unbekannte Fotodokumente ans Tageslicht.
Der 13. März 1945 ist ein Dienstag. Das Ende des nun schon über fünf Jahre dauernden Krieges scheint absehbar. Die Menschen leben dennoch in ständiger Angst. Der Tieffliegerangriff auf einen Personenzug bei Odenhausen/Lumda, die schweren Angriffe auf Gießen liegen nur ein paar Monate, die ersten Bomben auf Grünberg mit drei Toten nur wenige Tage zurück. Viele Evakuierte aus den Städten des Umlandes bis hin zum Ruhrgebiet und ihre Berichte über die Kriegswirren sorgen für eine belastende Stimmung unter den Grünbergern. Über der Stadt liegt an diesem Vormittag ein Wolkendunst, als ein unheilschwangeres Brummen und Dröhnen von Flugzeugmotoren sich nähert. Kurz darauf die ersten Detonationen - die meisten Menschen werden von dem Angriff völlig überrascht.
Die 322. Bomber-Gruppe mit 35 zweimotorigen Flugzeugen vom Typ Martin B-26 »Marauder«, geführt von zwei sogenannten Pfadfindermaschinen, öffnen in einer Höhe von 4200 Metern ihre Schächte, werfen ingesamt 239 Bomben mit einem Gewicht von über 50 Tonnen ab. Ihr Ziel: der Grünberger Bahnhof. Gerade in den letzten Wochen des Krieges war er für die Alliierten ein wichtiger Knotenpunkt, den es zu zerstören galt. Nach dem Abflug der Maschinen steht eine tiefschwarze Wolke über der Bahnhofsgegend. Der nördliche Stadtteil gleicht einer Trümmerlandschaft. Viele Häuser der kurz zuvor noch beschaulichen Kleinstadt sind schwer getroffen oder einfach dem Erdboden gleichgemacht worden.
Viele Menschen eilten damals den Opfern zu Hilfe, auch aus der Umgegend. Angehörige werden verzweifelt gesucht, Verletzte ausgegraben, Tote geborgen, viele sind nicht zu identifizieren. Mitten in dieses infernalische Szenario hinein erfolgt zwei Stunden später ein weiterer Angriff. Um 13.40 Uhr klinken erneut 43 Maschinen, darunter nun 38 Douglas A 20 »Havoc«, drei »Marauder« und zwei Pfadfindermaschinen nochmals 53 Tonnen (236 Stück) aus. Panikartig fliehen die Menschen aus der Stadt, viele Richtung Lehnheimer Feld, genau in die fallenden Bomben.
»Drei aus meiner Klasse kamen ums Leben«
Ferdinand Braun, damals zwölf Jahre, war als Melder verpflichtet, musste bei Alarm immer zum Rathaus zu kommen, um Botengänge zu machen: »Als wir die Sirene hörten, waren wir gerade beim Mittagessen. Ich habe meine kleine Schwester geschnappt, und wir sind sofort in den Keller der ›Villa Kropp‹. Drei aus meiner Klasse kamen bei dem Angriff ums Leben, Horst Spreng, Martha Müller und Gerold Herzberger.«