Grünberg - dereinst nicht nur für Schuster gutes Pflaster
Grünberg (dis). Wie in vielen Städten, so hatte auch Grünberg im Mittelalter ein ausgeprägtes Zunftwesen mit vielen handwerklichen Betrieben. Im »Zünftehaus« des Verkehrsvereins in der Judengasse werden - nicht zuletzt dank das starken Engagements des Zweiten Vorsitzenden Wolfgang Richter - in den Räumlichkeiten zahlreiche Handwerke und deren Gerätschaften einer interessierten Öffentlichkeit präsentiert. In dem von der Stadt bereitgestellten Fachwerkhaus befindet sich auch ein Zimmer mit Gegenständen zum Beruf des Uhrmachers.
Verkehrsvereins-Vorstand Wolfgang Richter mit Exponaten.
Wenn man sich dort die Geschichte dieses Berufsstandes anschaut, so zeigt sich auch: Die Gallusstadt war dereinst nicht nur für Schuster ein gutes Pflaster, in den 1920er Jahren etwa hatten gleich vier dieser »Filligran-Mechaniker« ihren Sitz in der Stadt am Westrand des Vogelsberges.
Zunächst ein paar Takte zur allgemeinen Historie der Zunft: In den Anfängen blühte hauptsächlich in der Schweiz die Kunst des (Turm-) Uhrenbaues auf (allerdings: Die Entwicklung des automatischen Stundenschlagwerkes ging von Italien aus). In Schaffhausen machte sich eine Familie Habrecht einen Namen, »Meister Joachim Habrecht« wurde 1561 mit der Anfertigung von Schlaguhren in Kirchtürmen zum »Zeitrichter« bestellt. Seine Söhne Josias und Isaak fertigten gar Uhren für St. Peter in Köln (nur einmal im Jahr aufzuziehen) und das Straßburger Münster..
Es geht aber auch kleiner: Nach Sonnen-, Sand- und Wasseruhren waren bereits Ende des 13. Jahrhunderts von einem unbekannten Meister die ersten Räderuhren gebaut worden. Die Federzuguhr tauchte in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf. Bei ihr wurde zur Egalisierung des Drehmoments bei abnehmender Federspannung seit dem 15. Jahrhundert sogenannte »Schnecke« angewandt. Tragbare Taschen- oder Sackuhren mit 40-stündigem Gang und Stundenschlag baute um 1510 der Nürnberger Peter Henlein. Die Zahl der Kleinuhrmacher nahm nun rasch zu. Vor allem wurden Tisch- und transportable Reiseuhren gebaut, ebenfalls ab dem 16. Jahrhundert auch Halsuhren, wobei sich Augsburg und Nürnberg als Zentren des Uhren- und Instrumentenbaus entwickelten. Anzeigevorrichtungen wie Weck-, Stunden- und Viertelschlag, Tageslängenindikation, Kalender und Planetenanzeiger gehörten zur Ausstattung. Die erste freie Ankerhemmung erfand etwa um 1720 G. Graham, der Kronenaufzug an Taschenuhren kam um 1840 hinzu, nun wurden auch schon elektrische Uhren gebaut, die aber erst ab 1920 Verbreitung fanden.
Jöckel ältestes Geschäft am Ort
Bereits 1341 ist ein Uhrmacher in den Stralsunder Bürgerbüchern erwähnt, ab dem 17. Jahrhundert gelang es den städtischen Kleinuhrmachern eigenständige Zünfte zu bilden. Leider gibt es in Grünberg keine Unterlagen über die im Mittelalter ansässigen Uhrmacher. Nachgewiesen aber ist: 1922 waren in der Stadt mit Friedrich Jöckel (Marktgasse), Karl Frank (Marktgassse), Karl Hermann Pfeffer (Londorfer Straße) und Erich Köcher, der im »Spital« ein Geschäft besaß, deren vier ansässig.
Das Uhrengeschäft Jöckel ist, neben dem 1902 eröffneten und inzwischen umgezogenen ehemaligen Geschäft Pfeffer, das älteste Uhrengeschäft in Grünberg, das auch noch im alten Geschäftshaus untergebracht ist. Natürlich haben bauliche Veränderungen seit der Übernahme im Jahr 1900 durch den gelernten Uhrmacher Friedrich Jöckel stattgefunden, nachdem dieser im Jahr 1887 sein Geschäft in der Neustadt gegründet hatte. Es folgten die Söhne Richard, Robert und der jetzige Inhaber Ralf Jöckel, der das Geschäft seit 1990 führt und ebenso Uhrmachermeister ist, wie alle seine Vorgänger. In den zurückliegenden 123 Jahren wurden über zehn Lehrlinge ausgebildet.
Für das »Zünftehaus« war Ralf Jöckel einer der ersten, der für die Ausstellung des Uhrmacherhandwerks einige Exponate überlassen hat. Darunter befinden sich ein Zapfenpolierstuhl, ein Ankerkorrektor, Miniamboss, Reibahlen, ein Satz Bonzen im Holzkasten, sowie ein antikes Wanduhrwerk und Taschenuhrwerk.