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Grünberg: Pfarrer Miethe referierte über »Blutrichter« Roland Freisler

Artikel vom 21.07.2010 - 18.00 Uhr

Grünberg: Pfarrer Miethe referierte über »Blutrichter« Roland Freisler

Grünberg (jhm). Erstmalig ging es bei der alljährlichen Lesung von Pfarrer Hartmut Miethe zum »Tag des deutschen Widerstands« am 20. Juli nicht um die Opfer sondern um einen Täter des Nationalsozialismus.
H. Miethe
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H. Miethe
Vor rund 50 Zuhörern im voll besetzten Barfüßerkloster referierte Miethe über den »Blutrichter« Roland Freisler, der sich durch seine menschenverachtende Prozessführung am »Volksgerichtshof« einen Namen gemacht hatte.

Zu Beginn stellte Pfarrer Miethe die legitimierenden Grundlagen von Freislers Prozessführung vor: Den Führer Hitler als Zentrum und Ausgangspunkt für die Gesellschaft des Nationalsozialismus. Ausgehend vom Gedanken einer auf ihm basierenden »Volksgemeinschaft« wurden Oppositionelle und als rassisch minderwertig eingestufte Menschen als »Schädlinge« am Volk betrachtet, welche »umgehend ausgerottet« werden sollten. Auch Freisler machte sich in den frühen 20er Jahren die Ideologie der Nationalsozialisten zu eigen, arbeitete zunächst während der Weimarer Republik als Anwalt in Kassel und wurde nach der Machtübernahme stellvertretender Gauleiter für Hessen-Nassau. Den Nationalsozialismus erhob Freisler nicht nur in den Stand der absolut geltenden Staatsdoktrin, auch Züge des Heiligen sah er in Führer und Bewegung: »Im Nationalsozialismus gilt nur unsere Meinung. Legal heißt immer nur der Führer. Es ist die grandioseste Selbstverwaltung unseres ganzen Lebens.« In der Folge versuchte Freisler, die Rechtssprechung den Zielen des Nationalsozialismus unterzuordnen, er half bei der »Gleichschaltung« des Justizapparats und schrieb Bücher für eine umfassende Rechtsreform. Miethe: »Seine Ausführungen sind teilweise nah am sprachlichen und philosophischen Unsinn, dabei war er kein Winkeladvokat sondern ein brillanter Denker. Es geht einem zu Herzen, dass solche Parolen soviel Leid erzeugen konnten.« Bald strebte er nach dem Amt des Reichsjustizministers, wurde jedoch »nur« oberster Richter am 1934 eingerichteten Volksgerichtshof, welcher Gegner des Regimes vernichten sollte. Wiederkehrendes Motiv bei Urteilsbegründungen war für Freisler immer wieder die »Heiligkeit« des Führers, für dessen Erhaltung eine reine Volksgemeinschaft notwendig sei: »Wir wollen als Volk rein und sauber diesen Kampf kämpfen«, argumentierte er.

Teilten die am Volksgerichtshof tätigen Juristen in großer Mehrzahl die Grundsätze Freislers, tat sich dieser doch aufgrund seiner Brutalität hervor, erläuterte Miethe anhand der Prozessprotokolle zum Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944. Da der Prozess ursprünglich für die Propaganda aufgezeichnet werden sollte, waren Filmaufnahmen erstellt worden - die Freisler jedoch jäh zunichte machte. Durch sein Gebrüll wurden die Tonbandaufnahmen verzerrt, das Gebaren des obersten Rechtssprechers erinnerte eher an einen Alleinunterhalter, welcher den »Ernst der Rechtssprechung ad absurdum führte«, wie sein Vorgänger im Amt des Obersten Richters am VGH Tierack der NS-Führung mitteilte. Freisler fehle es an »eiskalter, überlegener Zurückhaltung«, so Tierack, seine »abstoßende Propaganda«, erniedrigende Prozessführung gegenüber den Angeklagten, sowie deren Bezeichnung als »Würstchen« und »schäbiger Lump« erwecke eher den Eindruck einer »Karikatur einer Gerichtsverhandlung«. Freisler unterbrach die Häftlinge bereits nach wenigen Worten, eine Erklärung ihrer Motive wurde nicht zugelassen. Stattdessen wurden sie in entwürdigender Kleidung und gezeichnet von Folter und Verhören der SS als Statisten vorgeführt, die die Phrasen Freislers ertragen mussten, obwohl ihr Todesurteil längst feststand. Die Diskussion, ob Freisler, im Februar 1945 bei einem Luftangriff getötet, für seine Taten verantwortlich gemacht werden könne, beantwortete Miethe abschließend so: »Wir sind mehr als nur ein Gefäß, in das man Ideologie füllt. Wir sind als Menschen höheren Werten verpflichtet. Wir wollen Jene ehren, die damals das Menschsein nicht reduziert wissen wollten auf nur eine Deutung und die dies mit dem Leben bezahlten.« (Foto: jhm)

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Artikel vom 21.07.2010 - 18.00 Uhr
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