Friedberg (pm). Im Leben von Fritz Schmitt ist der 4. Februar ein denkwürdiger Tag: Vor einem Jahr verhalf eine komplizierte Operation dem 68-jährigen Ober-Mörlener zu einem »neuen Leben«. Das seitherige »gute Gefühl« verdankt er dem Chefarzt der Klinik für Chirurgie am Bürgerhospital Friedberg, Privatdozent Dr. Ingo K. Schumacher. Und auch der Arzt behält seinen Patienten in besonders guter Erinnerung - nicht nur wegen dessen munteren Temperaments, sondern auch, weil die Operation am 4. Februar 2009 der erste Eingriff dieser Größenordnung überhaupt am Bürgerhospital war.
Ohne Speiseröhre, aber mit »neuem Leben«: Fritz Schmitt und Dr. Ingo K. Schumacher treffen sich ein Jahr nach der schwierigen OP wieder. (Foto: pv)
Zum 1. Januar 2009 hatte Dr. Schumacher seine Tätigkeit am Friedberger Krankenhaus aufgenommen. Der Ruf eines hervorragenden Operateurs war ihm vorausgeeilt, und so dauerte es nicht lange, bis der ebenfalls neue Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Dr. Andreas Niedenthal, ihm einen schwierigen Fall vorstellte: Fritz Schmitt, dem eine Fistel, eine krankhafte Verbindung zwischen Speiseröhre und Lunge, seit 1995 erhebliche Beschwerden verursachte.
»Bis dahin war ich so gut wie nie krank«, erinnert sich Schmitt. Für seinen Arbeitgeber, das heute als Buss-SMS-Canzler GmbH (ehemals Samesreuther) firmierende Butzbacher Spezialunternehmen für Verfahrenstechnik, war er insgesamt 43 Jahre lang tätig, die weitaus meiste Zeit auf Montage im Ausland. Samoware aus Russland, fremdartige Zupfinstrumente aus China, Fotos aus den USA - die Wohnung in Ober-Mörlen legt beredtes Zeugnis ab von Schmitts abwechslungsreicher beruflicher Laufbahn, aber auch von seiner Affinität zu fremden Kulturen. Wer sich mit dem gebürtigen Marburger aufs Erzählen einlässt, sollte Zeit mitbringen, Langeweile wird er keine haben. Wenn Fritz Schmitt von Fahrten durch die chinesische Provinz berichtet, von Vietnam, von der Millionenstadt Karachi oder seinem Aufenthalt in Djakarta, vergehen die Stunden wie im Flug.
Überhaupt merkt man dem vierfachen Vater die zurückliegende Krankheitsgeschichte nicht an. Starke Schmerzen zwangen ihn ab 1995 immer wieder zu langen Krankenhausaufenthalten im Ausland, denen weitere in Friedberg oder Wiesbaden folgten. Die Diagnostik war schwierig, und etliche Jahre vergingen, bis ein Magengeschwür ausgeschlossen werden konnte und die Fistel als Ursache der wiederholten Lungenentzündungen entdeckt war. Mehrere Operationen folgten, doch sie brachten keine Linderung.
»Bei einer solchen Schädigung hilft es nur, die Speiseröhre komplett zu entfernen«, erläutert Dr. Schumacher. Die so genannte Oesophagusresektion (Oesophagus = Speiseröhre) ist eine der kompliziertesten Operationen überhaupt und wird üblicherweise nur an großen Universitätskliniken vorgenommen. »Dafür müssen nacheinander sowohl Bauchraum als auch Brustkorb geöffnet werden«, beschreibt Schumacher die besondere Herausforderung, die dieser Eingriff mit sich bringt. Im Bauchraum wird zunächst der Magen aus seinem Umfeld gelöst und beweglich gemacht, danach die Wunde zugenäht. Im rechten Brustkorb wird der gesamte dort befindliche Anteil der Speiseröhre entfernt, dann der Magen hochgezogen, zu einem Magenschlauch umgebildet und mit dem im oberen Teil des Brustkorbs vorhandenen Rest der Speiseröhre vernäht, bevor der Brustkorb wieder verschlossen werden kann. Eine Ursache für eine solche Operation ist die Refluxkrankheit, im Volksmund als starkes Sodbrennen bekannt; wird das Sodbrennen nicht behandelt, zerstört die Magensäure die Schleimhaut der Speiseröhre unwiederbringlich.
Umstellung der Essensgewohnheiten
Mit der notwendigen Umstellung seiner Ernährungsgewohnheiten ist Schmitt gut zu Recht gekommen. »Ich kaue jetzt länger, ich achte mehr auf das, was ich esse, und auf Fette und Butter verzichte ich, so gut es geht«, erzählt er. Dass er geringere Mengen auf einmal essen kann, stört ihn nicht. Sechs- bis achtmal täglich hat er anfangs kleine Portionen zu sich genommen, inzwischen isst er vier- bis fünfmal am Tag - und ihm geht es gut dabei. Eingeschränkt fühlt er sich durch die OP-Folgen nicht. Mit einem Nachbarn unternimmt er lange Spaziergänge nach Nieder-Mörlen und zeigt sich auch dabei erfindungsreich. »Wenn wir über den Berg gehen, sammeln wir die Getränkedosen, die die jungen Leute in den Straßengraben werfen, und holen uns das Pfand dafür im Kaufland. Das reicht immer für eine Tasse Kaffee für jeden«, erzählt er augenzwinkernd.
Zum Jahrestag der Operation stattete er Schumacher einen Besuch ab. Ohnehin kommt er regelmäßig zur Kontrolle, und der Chirurg überzeugt sich gerne immer wieder davon, dass es seinen Patienten gut geht - Fritz Schmitt ebenso wie den weiteren sechs Männern und Frauen, denen im vergangenen Jahr im Bürgerhospital die Speiseröhre ganz oder teilweise entfernt worden ist.