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08.02.2010 - 20.40 Uhr
Begehbares Kunstwerk über die Urwaldzerstörung
Friedberg (har). »Ist ein mit schwarzer Farbe beschmierter nackter Mann, der malt, sich auf dem Boden wälzt, langsam weiter kriecht, stöhnt und unverständliche Laute von sich gibt, Kunst?« Mit dieser Frage mussten sich die Besucher der Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung »Amazonas« des Kunstvereins Friedberg in den Räumen des Vereins im Wetterau-Museum auseinander setzen.
Die Antwort nach der 45-minütigen Performance des Berliner
Aktionskünstlers Egon Schrick fiel durch weg positiv aus, wie das
anschließende Gespräch aller Anwesenden mit dem Künstler ergab, auch
wenn es in Deutung und Umsetzung verschiedene Meinungen gab. Das Projekt »Amazonas« ist der Beitrag des fast 75 Jahre alte Schrick zum Berliner Humboldt-Forum im bis 2016 wiederaufgebauten Schloss der Hauptstadt, das zu einem Ort der Weltkulturen werden soll, ganz im Geiste eines Alexander von Humboldts. Nach dem Studium vieler Zeitungsartikel hat sich Schrick entschieden, die Zerstörung des Amazonasgebietes und die Ausbeutung der Indios in den Mittelpunkt seiner Aktion zu stellen. Anfang letzter Woche kam Schrick in die Kreisstadt, lebte und arbeitete drei Tage in den beiden Ausstellungsräumen, dessen Böden er mit Packpapier auslegte und darauf mit Kohle den Amazonas und seine Neben- und Quellfüße malte.
Es entstand ein begehbares Kunstwerk, das vor Beginn der Performance von den Besuchern interessiert begangen und betrachtet wurde. An den Wänden hatte Schrick Zeitungsausschnitte zum Thema aufgehängt, die er mit schwarzem Stift immer wieder kommentiert hatte und die für ihn die Grundlage seiner Arbeit sind. Eine große Zeichnung mit dem südamerikanischen Kontinent im ersten Ausstellungsraum rundeten das bis dahin fast friedliche Bild der Ausstellung ab.
Dies änderte sich augenblicklich, als Egon Schrick dieBesucher in den zweiten Ausstellungsraum bat, sich danach in den ersten Raum zurückzog und splitterfasernackt zurück kam, Holzkohlestifte, Zeitungsartikel und Blätter mit Schlagwörtern wie »Urwaldzerstörung« auf den Boden verteilte.
Er suchte den Kontakt mit den Besuchern, verharrte vor diesen regungslos, um sich dann an der Amazonasmündung im ersten Raum nieder zu lassen. Es folgte eine Zerstörung des Kunstwerks durch den Körper des Künstlers, der sich über sein Werk wälzte, kaum zu verstehende Laute von sich gab und dabei langsam in Richtung Quelle robbte. »Das ist die nackte Gewalt«, meinte Kunstvereinsmitglied Karin Rogalski, die mit ihren Finissage-Gesprächen die Ausstellungen des Kunstvereins regelmäßig beendet. »Das ist schon sehr speziell«, meinte eine andere Besucherin, doch alle sahen, wie der Künstler den Schmerz des Amazonasgebiets und dessen Ureinwohner in, mit und durch seinen Körper erlebte. Immer wieder konnten die Beobachter mal ein Wort verstehen, dass Schrick dann zerlegte und »zersprach«, wie er es später selbst bezeichnete.
Als er schließlich die Wand am Ende des zweiten Ausstellungsraums erreicht hatte, zeichnete er sieben Figuren auf das bis dahin leere braune Papier. Immer wieder rief er dazu die Namen der Präsidenten Brasiliens, Boliviens und der anderen Staaten, die er als Hoffnungsträger für die Amazonasregion sieht. Nach der Vollendung seines Werkes zog sich Schrick zurück zur Amazonasmündung, um sich hier wieder anzuziehen. Viel Beifall gab es für diese außergewöhnliche Performance, bei der die Nacktheit des Künstlers schnell keine Rolle mehr spielte.
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