Erzählcafé: Der Zar als Gast in der Engel-Apotheke
Friedberg (har). Viel über die Geschichte der Kaiserstraßengeschäfte erzählten ein halbes Dutzend alt eingesessener Geschäftsleute beim 36. Erzählcafé, das am Freitagnachmittag in der Tanzschule Wehrheim-Gierok, dem einstigen Saal des Hotel Trapp, stattfand.
Die Erzähler (v.l.) Ulrich Habermehl, Jürgen Schäfer, Frank Messerschmidt, Peter Hähn, Bernd Ulrich und Werner Ries. (Foto: Schuchardt)
»Handel und Wandel links und rechts der Kaiserstraße« war das Motto des Nachmittags, zu dem Karin Holler von der veranstaltenden Agenda 21- Gruppe »Selbstbewusst älter werden in Friedberg« weit über 100 Besucher begrüßen konnte.
Gruppenmitglied Michaela van Blericq moderierte den Nachmittag, den die Apotheker Werner Ries und Bernd Ulrich eröffneten. Ries führte die Engel-Apotheke, die 2007 von Ulrich, dem Inhaber der Liebig-Apotheke, übernommen wurde, 52 Jahre lang. Ausführlich ging der Apotheker auf die über 400 Jahre lange Geschichte der Apotheke im Haus Kaiserstraße 48 ein.
So erhielt diese 1869 den Titel »Hofapotheke zum Engel«, und der russische Zar war während seines Aufenthaltes oft zu Gast in der Engel-Apotheke, die bis 1914 das russische Zarenhaus in St. Petersburg belieferte. 1931 übernahm Karl Ries die Apotheke, die 1967 total umgebaut wurde. »Die Engel-Apotheke ist eine der größten in Hessen, zumindest flächenmäßig«, erklärte Ries.
Ulrich ging auf die »Apothekenprivilegien« ein, die erst mit der Niederlassungsfreiheit 1953 aufgehoben wurden. Bis dahin konnten Apotheker nur dann eine Apotheke eröffnen, wenn sie von der Stadt das entsprechende Privileg erhalten hatten. Lange gab es daher nur zwei Apotheken in der Kreisstadt, bis Ulrichs Eltern 1950 das Privileg für eine dritte Apotheke erhalten hatten. Die Herstellung von Arzneien war ein weiteres Thema von Ulrich, der das »Pillen drehen« noch von der Pike auf gelernt hat.
Mit einer Verbindung zur Engel-Apotheke überraschte Ulrich Habermehl, Inhaber des Textilhauses »Friedrich v.d. Emde«, denn nach dem Umzug des »Rollen- und Weißwarengeschäfts«, das dessen Ur-Ur-Großvater Heinrich Diehl 1863 in der Usagasse eröffnet hatte, befanden sich beide Geschäfte ab 1900 für mehrere Jahre im gleichen Gebäude in der Kaiserstraße.