Erzählcafé: Der Zar als Gast in der Engel-Apotheke
Der Umzug in das Haus Kaiserstraße 80 war ein wichtiger Schritt für das Textilhaus, das in den 20er-Jahren von Friedrich von der Emde übernommen wurde und so den bis heute gültigen Namen erhielt. Alleine sieben Stoffgeschäfte gab es in jener Zeit in Friedberg, heute sind es in ganz Hessen noch drei und in Deutschland »höchstens 10 bis 15«, so Habermehl, der auch die Begründung lieferte: »Es gibt keine Textilindustrie in Deutschland mehr, und das dürfte bald für ganz Europa gelten.«
Mit der Geschichte des Möbelhauses Reuß, das seine Urgroßeltern gegründet hatten, begann Jürgen Schäfer seine Erzählungen. Sein Großvater Karl Reuß übernahm das elterliche Geschäft, obwohl er Metzgermeister gelernt hatte und eigentlich eine Fleischfabrik eröffnen wollte. »So musste er umschulen, erlernte den Beruf des Möbelkaufmanns und hat das Geschäft gut durch den Krieg gebracht.« So erhielt sein Großvater für die Lieferung eines Schranks nach Gettenau ein halbes Schwein als Bezahlung.
Szenen der Folge »Der Kinderwagenkauf« der beliebten Hesselbach-Serie wurde im Möbelhaus Reuß gedreht, so Schäfer. Dessen Vater gründete 1961 mit den Abteilungen des Möbelhauses, die nicht direkt zum Möbelverkauf gehörten, das eigene Geschäft, »das von den einen Teppich-Schäfer, von den anderen Gardinen-Schäfer genannt wurde«, so Jürgen Schäfer. Dazu kam später ein zweites Geschäft in der Kaiserstraße 83, das »Kinderhaus« mit Spielwaren und Kinderwagen. Letztlich aus persönlichen Gründen gab Schäfer vor zwei Jahren das verbliebene Gardinengeschäft auf, jedoch führt sein Sohn die Tradition fort.
Nach der Pause eröffnete Frank Messerschmidt den zweiten Teil mit der Geschichte des Reisebüros Messerschmidt, die nach dem Krieg als Lotto- und Toto-Geschäft im Haus Kaiserstr. 121 begann. Später kam der Verkauf von Fahrkarten hinzu und da sein Vater schon immer Busreisen für den Skiclub organisiert hatte, wurde das Angebot immer erweitert, wie Besucher Ulrich Wagner, erläuterte. Der Friedberger war von Beginn an beim Reisebüro Messerschmidt, das heute in der Haagstraße 13 zu finden ist, beschäftigt. Es gehörte zu den ersten in Deutschland, die in den 50er-Jahren Flugreisen nach Mallorca anboten.
Sein 50-jähriges Bestehen kann im kommenden Jahr das Sanitätshaus Hähn im Haus Kaiserstraße 151 feiern, so Peter Hähn, der das 1961 von seinem Vater eröffnete Geschäft heute führt.
»Wir waren ja eine Frankfurter Familie, und mein Vater fuhr in den ersten Jahren täglich in sein Geschäft, das zunächst aus nur einem Raum bestand.« 1963 wurde das Ladengeschäft eröffnet, später wurde das Haus und das benachbarte Gebäude erworben. In den ersten Jahren war die Versorgung der Wetterauer Kriegsversehrten mit Prothesen die Hauptaufgabe des Sanitätsgeschäfts. Am Meisterstück seines Vaters erläuterte er, dass ein Orthopädiemeister sehr viele handwerkliche Bereiche wie Schmieden oder Fräsen beherrschen muss. Mit einem Dank an die Erzähler endete das 36. Erzählcafé.