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In Oberhessen auf den Spuren der »Wolga-Germans«

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Artikel vom 16.02.2013 - 14.28 Uhr

In Oberhessen auf den Spuren der »Wolga-Germans«

Fernwald/Lich (pad). Bill Pickelhaupt aus Michigan/USA forscht in Deutschland nach den Spuren seiner Vorfahren, die erst nach Russland und von dort später in die USA auswanderten. Unterstützt wird er dabei von Hanno Müller aus Steinbach und Inge Steul aus Lich.

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Bill Pickelhaupt (Mitte) mit Inge Steul und Hanno Müller in Steinbach auf Spurensuche in alten Unterlagen. (Foto: pad)
Ein besonderer Gast saß am Mittwoch bei Ingrid und Hanno Müller in Steinbach an der Kaffeetafel und ließ sich die Himmelstochter-Torte schmecken: Bill Pickelhaupt, Unternehmensberater im Ruhestand aus Port Huron in Michigan, USA. Ebenfalls zugegen war Inge Steul, Familienforscherin aus Lich. Zusammengebracht hatte sie ihre Vorliebe für Geschichte, speziell die Ahnen- und Familienforschung.

Bill Pickelhaupt ist Nachfahre hessischer Auswanderer aus Gernsheim bei Darmstadt, die 1766 über Lübeck, dann auf dem Schiff über die Ostsee nach Oranienburg und von dort bis an den Unterlauf der Wolga gezogen waren. Wie viele andere waren sie dem Versprechen Katharina der Großen von freiem Ackerland, Befreiung vom Militärdienst und Autonomie gefolgt, um sich in der neuen Heimat eine neue Existenz aufzubauen. Im Ort Kind – benannt nach dem Familiennamen des Ortsgründers und erstem Bürgermeister August Kind – wurden Pickelhaupts Vorfahren heimisch.

Die Wolgadeutschen pflegten in ihrer neuen Heimat weiterhin ihre mitgebrachte Kultur und sprachen Deutsch. Dies wurde über die Jahrhunderte immer weniger von der russischen Staatsmacht akzeptiert. So wurden unter anderem Gesetze erlassen, dass ihre Lehrer russischer Abstammung sein müssten. Die Bedrückung durch die Kommunisten und die schlechten Lebensumstände in der Sowjetunion veranlassten nach dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Wolgadeutsche, wie ihre Vorfahren in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft ihre Heimat in Richtung USA und Kanada zu verlassen.

Harte Arbeit auf den Rübenfeldern

Auf den riesigen Zuckerrübenfarmen und in den Zuckerraffinerien in Michigan herrschte großer Arbeitskräftebedarf. Die amerikanischen Farmer schätzten die deutschen Großfamilien, deren sämtliche Mitglieder, ob Greis oder Kind, auf den Zuckerrübenfeldern arbeiteten und den ganzen Sommer bis zur Ernte in kleinen Holzhütten nahe den Feldern untergebracht waren. Auch aus Kind an der Wolga zogen damals etwa 200 Personen nach Michigan, unter ihnen waren auch die Vorfahren von Bill Pickelhaupt. In seinem Buch »The Wolga-Germans of Michigan’s Thumb« – »Thumb« (engl. Daumen) nennt man das Land zwischen dem Michigan und dem Huron See, also zwischen Chicago und Detroit – geht er auf Spurensuche nach der Geschichte seiner eigenen und vieler weiterer Auswandererfamilien und schildert aber auch ausführlich die sehr schweren Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrübenfeldern. Doch auch für die in Russland verbliebenen »Wolga-Germans« wurde das Leben in den 1920er Jahren immer schwerer, worauf Pickelhaupt am Beispiel einzelner Familien in seinem Buch ebenfalls eingeht.

Die Suche nach seinen, aber auch nach denen anderer heute in den USA lebenden »Wolga-Germans«-Familien führten Pickelhaupt nach Mittelhessen. Über das Internet kam er in Kontakt mit Hanno Müller und Inge Steul, die ihm gerne bei seinen Nachforschungen behilflich waren und auch weitere Kontakte vermittelten. Zum Beispiel stammten die Vorfahren der Familie Falk (früher
Voelck) von Pickelhaupts 1909 geborenen und noch lebenden Großmutter ursprünglich aus Staufenberg. In den Kirchen- und Familienbüchern fand man Einträge der früheren Pfarrer, die die Auswanderung zahlreicher Familien, unter anderem aus Steinbach, Reiskirchen und Staufenberg, 1766 vermerkt hatten.

Nun trafen sich die durch ihr gemeinsames Interesse verbundenen Familienforscher in Steinbach zu einem gemütlichen Kaffeetrinken und Erfahrungsaustausch. Bill Pickelhaupt reist derzeit auf der Suche nach weiteren Quellen durch Deutschland und hofft, mit zahlreichen neuen Spuren und Büchern der Vorfahren der »Wolga-Germans« im Gepäck nach Michigan zurückkehren zu können.

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Artikel vom 16.02.2013 - 14.28 Uhr
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