Büdingen (geo). Den Blick auf die Uhr im Handy oder das Zifferblatt der Armbanduhr - das assoziiert heute niemand mehr mit einem Nachtwächter. Früher aber kündigte dieser den Bürgern die Uhrzeit per Hornsignal oder Gesang an. Teils bedrohlich wirken die Gestalten mit ihren Hellebarden, Laternen und Hörnern: 33 Nachtwächter, Türmer und Figuren aus mehr als 20 deutschen Städten waren zur Jahreshauptversammlung des Vereins Deutsche Gilde der Nachtwächter, Türmer und Figuren nach Büdingen gereist.
Der »Baxmann« alias Lutz-Arnim Simon zeigt, was er alles auf dem Kerbholz hat.
Das Treffen hatte Eberhard Gömmer (75) vermittelt, einer von sieben Nachtwächtern der Stadt. Alle zwei Jahre deutet die Zunft eine andere Stadt aus.
Unter die Gruppe haben sich auch einige Nachtwächterinnen gemischt, obwohl, so berichtet Gömmer, die weibliche Präsenz in der Zunft nicht zu 100 Prozent überliefert sei. »Es ist eines der schönsten Hobbys, bei dem sich Gesänge, mittelalterliches Leben und Brauchtum auf eine besondere Art miteinander vermischen«, skizzierte Bürgermeister Erich Spamer das Nachtwächtertum. Dieses ging zwar im Zuge der flächendeckenden Einführung von Straßenbeleuchtung und neuen Polizeigesetzen um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert verloren, doch gibt es in vielen Orten eine Wiederbelebung als romantisch verklärte touristische Attraktion. »Nachtwächter transportieren für die Nachwelt verloren gegangene Geschichten weiter«, freute sich Wetterau-Landrat Joachim Arnold als Schirmherr des Treffens. Ausgehend vom Keltenmuseum machte Arnold deutlich, dass die Archäologielandschaft Wetterau in Zukunft touristisch vermarktet wird. »Es lohnt sich, Büdingen weiterzuempfehlen«, befand Gildemeister Alfred Schneider. Eine Stadt, in der Geschichte besonders durch die vielfältigen Führungen lebt, wie Christina Burkhardt von der Tourist-Information Büdingen, verdeutlichte.
Zu später Stunde waren die Nachtwächter natürlich auch in Büdingen in ihrem Element und zogen durch die winterliche Altstadt. Da meldete sich der Türmer der Stadt Chemnitz, Stefan Vogel, zu Wort oder Ratsnachtwächter Heinerich alias Gerhard Mestwerdt aus Springe. Optisch fiel der Süntelgeist aus dem Weserbergland auf. »Ich bin 40 Millionen Jahre alt und führe Gäste seit acht Jahren durch Bad Münder«, verriet Elvira Wittich mit einem Augenzwinkern zwischen riesigem Bart und Mütze. Dreieinhalb Stunden dauerte ihre Anreise. Ortwin Zielke ist Nachtwächter Jan Tut aus Delmenhorst. Er hatte seine Ehefrau Ursula dabei. Sie mimte als Mett Siewers eine mittelalterliche Marktmeisterin. Lutz-Arnim Simon, Baxmann von Hessisch-Oldendorf, klärt über das Verwenden eines Kerbholzes auf. Es dient als eine Art Registrierkarte für Schulden: der Bierdeckel des Mittelalters.