Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Kreis » Städte und Gemeinden » Biebertal »

Wir sind zusammengekommen, um Gott um Frieden zu bitten

Artikel vom 18.09.2009 - 23.47 Uhr

Wir sind zusammengekommen, um Gott um Frieden zu bitten

Biebertal (ws). »Dieser Gottesdienst erinnert nicht nur an die vielen Opfer, sondern er ermahnt uns, die geistlichen Nachfahren Jesu, niemals aufzuhören, uns für den Frieden einzusetzen«, sagte Pfarrer Merten Teichmann während des Gedenkgottesdienstes in der evangelischen Kirche in Rodheim. Erinnert wurde an den Einmarsch der alliierten Truppen ins Gleiberger Land vor 250 Jahren am 17. September 1759. Dazu hatten die ev. Kirchengemeinde Krofdorf-Gleiberg, die ev. Kirchengemeinde Rodheim-Vetzberg, die Gemeinden Wettenberg und Biebertal sowie der Heimatverein Rodheim-Bieber eingeladen. »Wir sind zusammengekommen, um uns vor Gott zu erinnern, zu klagen und Gott um Frieden zu bitten«, sagte Pfarrer Merten Teichmann. Gekommen waren rund 60 Besucher. Die Gestaltung hatten Pfarrer Christoph Schaaf (Krofdorf-Gleiberg), Pfarrer Merten Teichmann (Rodheim-Vetzberg), Manfred Schmidt (Krofdorf-Gleiberg) und der Vorsitzende des Heimatvereins Rodheim-Bieber, Helmut Failing, übernommen. Die Lieder begleitete Karin Rink an der Orgel.
Manfred Schmidt, Helmut Failing, die Pfarrer Christoph Schaaf und Merten Teichmann entzündeten während des Klagegebetes Kerzen.
Lupe - Artikelbild vergrössern
Manfred Schmidt, Helmut Failing, die Pfarrer Christoph Schaaf und Merten Teichmann entzündeten während des Klagegebetes Kerzen. (Foto: ws)
Nach dem Lesung des Psalms 85 (»Bitte um neuen Segen«) durch Pfarrer Schaaf gab Helmut Failing einen Rückblick auf das Geschehen während des Siebenjährigen Krieges in Rodheim. »Im November 1759 gab es viel Regen, die Wege wurden grundlos, die Lage für Mensch und Vieh katastrophal und der Nachschub geriet ins Stocken. Ende November wurde es bitter kalt und die Soldaten bezogen Quartiere in den Dörfern. Welche Leiden und welche Ausbeutung die Bewohner des Kirchspiels Rodheim mitgemacht haben müssen, geht aus Eintragungen des Pfarrers Mallinkrodt im November 1759 in das Rodheimer Kirchenbuch hervor. 1759 und 1760 starben im Kirchspiel Rodheim 216 Personen, darunter viele Kinder und alte Menschen«, erläuterte Failing und verwies auf den englischen General Granville Elliott, der am 10. Oktober 1759 in Rodheim verstarb und in der Rodheimer Kirche beigesetzt ist.

Manfred Schmidt erinnerte an das, was damals in Krofdorf-Gleiberg geschah: Die Familien mussten auf engstem Raum leben, weil auch Militärangehörige mit ihren Tieren untergebracht und verpflegt werden mussten. Die Bevölkerung wurde hart drangsaliert. Durch die große Dichte von Menschen auf kleinstem Raum brachen Krankheiten aus, besonders die »rote Ruhr«. Es fehlte an Nahrung für Mensch und Vieh. Starben im Krofdorf-Gleiberg jährlich im Durchschnitt 15 Personen per anno, so wurden 1759 bereits 65 und 1760 nochmals 95 zu Grabe getragen. Manche Häuser starben ganz aus. Die Überlebenden standen in den Folgejahren meist vor dem Nichts. »Am 4. Januar 1760 marschierte die Armee in das Gleiberger Land in die Winterquartiere«, hielt Pfarrer Johann Friedrich Schmidtborn in seinen Aufzeichnungen fest.

Während des Klagegebetes entzündeten die Pfarrer Schaaf und Teichmann zusammen mit Helmut Failing und Manfred Schmidt vier Kerzen vor dem Altar. - Der Ansprache von Pfarrer Teichmann lag der Text aus Micha 4, Verse 2 ff. zugrunde. Dort heißt es »...dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen und niemand lernt mehr das Kriegshandwerk. Jeder wird in Frieden bei seinen Feigenbäumen und Weinstücken wohnen, niemand braucht sich mehr zu fürchten. Der Herr, der Herrscher der Welt, hat es gesagt«.

»So wie der Prophet Micha diese Worte in den Staub schrieb, so sind diese Worte auch vor einem Haus in Afghanistan geschrieben, im Land, das seit 24 Jahren im Krieg ist. Auch auf die zerstörten Straßen von Grosny werden diese Worte in den Staub geschrieben. Die Flüchtlinge aus dem Sudetenland schrieben sie vor 60 Jahren in ihre Erde. Die Krofdorfer und Rodheimer haben sie vor 250 Jahren in ihre von Soldaten geplünderten Felder geschrieben. Das Leid der Menschen ist überall gleich: ob in Gaza-Stadt, Jerusalem, Simbabwe, Tibet, Irak.. - Nein, friedlich geworden ist es nicht auf dieser Welt. Wir Europäer können Gott danken, dass wir in den letzten 60 Jahren von Krieg und all dem Unheil, das er mit sich bringt, verschont geblieben sind. Jesus hat Frieden gelebt, provoziert und in Gang gesetzt, indem er sich den Entrechteten, den Ausgestoßenen zuwandte, indem er Sünde vergab, Kranke heilte. Der Friede Jesu ist ein riskanter Friede, denn er verzichtete vollkommen auf Gewalt. Gottes Friedensreich ist im Kommen und Jesu ist auf dem Weg des Friedens lebendig: als unser Vorbild«, führte Pfarrer Teichmann aus. Mit dem Segensgruß »Schalom (Frieden) in Dorf und Stadt« und dem Segen durch Pfarrer Schaaf endete der Gedenkgottesdienst.

Die Kollekte war für die Friedensinitiative »Zeichen der Hoffnung« bestimmt. Im Anschluss an den Gottesdienst konnte die Ausstellung »Siebenjähriger Krieg im Gleiberger Land« im benachbarten Heimatmuseum besichtigt werden.

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 18.09.2009 - 23.47 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang