Wohnen im Bahnhof: »Keine menschenunwürdigen Bedingungen«
Bad Nauheim (jw). »Was Herr Barth da gesagt hat, grenzt an Rufschädigung.« Klaus Lange ist nicht gut auf den Chef der Hamburger Procom Invest GmbH & Co KG zu sprechen. Der ehemalige Bahnhofsvorsteher von Bad Nauheim wohnt mit seiner Frau Marianne in einer der fünf Mietwohnungen im Bahnhofsgebäude, und was die Langes über diese Wohnungen in der WZ lasen, verschlug ihnen fast die Sprache.
Blick aus dem 2. Stock auf die Rückseite des Bahnhofsgebäudes. Der Putz blättert ab, an der Regenrinnen fehlt der Abfluss. Links im Bild die Wand zum Bahnsteig. (Foto: Wagner)
»Ich welchen Verhältnissen wohnt ihr denn?«, habe eine Bekannte gefragt,
wohl wissend, dass die Langes keineswegs »unter menschenunwürdigen
Bedingungen gelebt« haben, wie der Procom-Chef zitiert wurde. Und über
die lediglich »symbolische Miete«, die das Unternehmen verlange, müssen
die Mieter schmunzeln.Der Bahnhofs-Eigentümer Procom und das Tochterunternehmen Erste Portal Real suchen händeringend nach (gewerblichen) Mietern, die komplette Sanierung des Gebäudes wird bis zum Beginn der Landesgartenschau wohl nicht abgeschlossen sein. Dies hatte Procom-Chef Dennis Barth beim Ortstermin vergangene Woche eingeräumt und auch Angaben zum Zustand der Wohnungen gemacht, die Klaus Lange so nicht stehen lassen will. »Das stimmt doch gar nicht«, sagt der 72-jährige Rentner.
Dass das Gebäude in einem »desolaten Zustand« gewesen sei und die Bahn, wie Barth bei dem Ortstermin sagte, »null investiert« habe, sei nicht richtig. Wasser sei bei ihnen auch nicht an den Wänden heruntergelaufen. Überhaupt stößt sich Lange an der Behauptung, alle fünf Wohnungen seien renoviert worden. »Bei uns wurden lediglich Gummidichtungen an den Fenstern angebracht. Weil das eine Wertverbesserung ist, wurde die Miete um 12 Euro erhöht«, sagt Lange. Ein Außenanstrich der einfach verglasten Holzfenster fehlt und sei dringend nötig. Wichtig wäre auch eine Wärmedämmung der Fassade, was aber nicht möglich gewesen sei. »Die Heizkosten sind immens«, ergänzt Marianne Lange. Beim Gang durch die hübsch eingerichtete Fünf-Zimmer-Wohnung mit hohen Decken, Laminat- und Teppichböden zeigt sie, was im Laufe der Zeit alles gemacht wurde. Von der Einbauküche bis zum Bad (»Das hat die Bahn renoviert«) ist alles pickobello aufgeräumt und geschmackvoll eingerichtet. »Damit wir’s schön haben, haben wir investiert«, sagt Marianne Lange. »Menschenunwürdige Bedingungen«, wiederholt sie, und schüttelt den Kopf.
Unschön ist freilich der Blick aus dem ehemaligen Kinderzimmer. Er geht Richtung Gleise, davor steht eine gemauerte Wand mit Milchglasfenstern. Letztere werden immer wieder eingeworfen, die Scherben und Steine fliegen dann bis zur Fensterbank. Defekte Scheiben muss Marianne Lange immer mal wieder selbst zukleben, damit die Bahnkunden nicht in die Wohnung sehen können. Der Blick aus dem hinteren Fenster zeigt allerdings auch, dass eben nicht die komplette Fassade des Bahnhofsgebäudes saniert wurde. Hinten blättert der Putz ab, die Regenrinne verfügt über keinen Ablauf, das Wasser platscht dann gegen die Wände und dringt ins Mauerwerk ein, erläutert Klaus Lange. Seine Frau ärgert sich auch darüber, dass bei der vorderen Fassadensanierung die Halterungen für die Blumenkästen abmontiert wurden. Früher konnte man hier die bunten Hängegeranien bewundern. Im Treppenhaus habe Procom zwar die Wände streichen lassen, nicht aber die Holztreppen und die Geländer. Neu sind hingegen die Briefkästen und die Gegensprechanlage.
»Die Bahn hat Schäden immer beseitigt«, sagt Lange. Bis 1977 war er Bahnhofsvorsteher, hatte 25 Leute unter sich und war bis zu seiner Pensionierung bei der Bahn-Direktion in Frankfurt beschäftigt. Seit 1969 leben er und seine Frau in der 119 Quadratmeter großen Wohnung. »Manchmal hat es etwas gedauert, aber die Handwerker kamen immer«, nimmt er »sein« Unternehmen in Schutz. Überhaupt nicht verstehen können die Langes die Behauptung, sie zahlten an Procom nur einen »symbolischen Mietpreis«. Klaus Lange: »Die Miete wurden von der Bahn vor sechs oder sieben Jahren erhöht, und zwar zu absolut marktüblichen Preisen.« Was das heißt, konnte man jüngst in einer Zeitungsannonce lesen: Die noch immer leer stehende Wohnung im südlichen Bahnhofsanbau, etwas mehr als 100 Quadratmeter groß, wurde für 700 Euro Kaltmiete angeboten. Wohl auch ein »symbolischer Preis«, schmunzeln die Langes.