Bad Nauheim (ihm). Ende Juli schlug die Barmer GEK Alarm: In Deutschland würden zu oft Knie- und Gelenk-Implantationen vorgenommen. Es gebe hohe Zuwachsraten, was nicht nur am steigenden Altersdurchschnitt der Bevölkerung liege. Vielfach seien finanzielle Interessen die Ursache. Die WZ hakte nach bei Dr. Michael Pröbstel vom Hochwaldkrankenhaus (HWK).
Blick in den Operationssaal: 400 Implantationen werden im Hochwaldkrankenhaus jährlich vorgenommen. (Fotos: ihm/pv)
»Wenn das so weitergeht, haben bald alle 60- bis 65-jährigen Rentner ein neues Knie oder eine neue Hüfte«, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer, Rolf-Ulrich Schlenker, laut Medienberichten im Juli. Gemäß Krankenhausreport der Barmer sind nicht alle Operationen medizinisch gerechtfertigt. In der Online-Ausgabe der Orthopädischen Nachrichten stößt Prof. Joachim Grifka (Direktor Orthopädische Uniklinik Regensburg) ins selbe Horn: »Es macht nachdenklich, dass in Deutschland im Jahr über 200 000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt werden, während im gesamten restlichen Europa etwa 300 000 implantiert werden.« Viele Ärzte empföhlen das künstliche Knie- oder Hüftgelenk zu schnell. Besonders kritisch betrachtet Grifka das Feld der niedergelassenen Mediziner. Ihnen würden Anreize gegeben, ihre Patienten selbst in der Klinik zu operieren. Dafür bekämen sie bis zu 20 Prozent der Krankenhauspauschale. Ortho-online zitiert Grifka: »Das hat dazu geführt, dass sogar niedergelassene Ärzte, die jahrelang keinen OP-Saal mehr betreten haben, ihr Operationstalent entdeckt haben.«
Dr. Michael Pröbstel, Orthopädie-Chefarzt des Hochwaldkrankenhauses, teilt Grifkas Ansicht. Grund: »Das Implantieren einer Prothese ist lukrativ für ambulante Operateure und für die kooperierenden Krankenhäuser.« Die Kliniken übernähmen die weitere Behandlung nach der OP, dafür erhalten sie den Rest der Pauschale. Sie beträgt bei Hüften rund 7000 Euro, bei Knien etwas mehr. Es gebe niedergelassene Ärzte, die von Krankenhaus zu Krankenhaus zögen und sagten: »Was gebt ihr mir, wenn ich jährlich 50 Patienten bringe?« Das trage zu den hohen Zuwächsen in der deutschen »Prothesenlandschaft« bei.
Für das Hochwaldkrankenhaus gelte das allerdings nicht. Die Klinik operiere weder zu oft, noch voreilig. Kommt ein Patient in Pröbstels Sprechstunde, rät er – wenn medizinisch möglich – zunächst zur alternativen Behandlungsmethode: »Das Einsetzen einer neuen Hüfte ist immer der letzte Schritt.« Auf eventuell ungerechtfertigte Gast-OPs könne die Klinik nur wenig Einfluss nehmen. Der Chefarzt ist aber überzeugt: »Unsere zwei ambulanten Operateure nehmen keine überflüssigen Eingriffe vor. Sie haben vorgegebene Zahlen, die seit Jahren stabil sind.« Von der Fallpauschale erhielten sie nur zehn Prozent. »Zuweiserprämien« lehne das Krankenhaus ab. Laut Medienberichten gibt es Kliniken, die diese Prämien an den einweisenden Doktor entrichten. Sie täten das beispielsweise, wenn sie viel Konkurrenz in ihrer Nähe haben. Das sei illegal.
Pröbstel: »Wenn wir Zuwächse haben, dann weil die Patienten älter werden und der Ruf der Abteilung gut ist.« Etwa 250 Hüftgelenke und 150 Kniegelenke werden in der Bad Nauheimer Klinik jährlich implantiert. Die Steigerungsraten betrügen etwa fünf Prozent pro Jahr. »Wenn man unsicher ist, ob eine OP nötig ist, sollte man sich bei einem anderen Facharzt eine Zweitmeinung einholen«, rät der Chirurg den Patienten.