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Allendorf/Lumda: Zum »demografischen Wandel«

Artikel vom 28.06.2010 - 07.00 Uhr

Allendorf/Lumda: Zum »demografischen Wandel«

Allendorf/Lumda (mb). Zwar wurden einige Stühle nicht besetzt, doch der Besuch seines Informations- und Diskussionsabends am Freitag im großen Saal des Bürgerhauses durfte den Gewerbeverein Allendorf/Lumda zufrieden stellen. »Ist Allendorf noch zu retten?« lautete die bewusst sehr provokante Fragestellung, zu der die Soziologin und Unternehmerin Dr. Bettina Nickel eingeladen worden war, um Fakten zum Thema »Demografischer Wandel« vorzutragen und Impulse zu geben.
Das Podium am Freitagabend im Bürgerhaus Allendorf/Lumda: (von rechts) die Vorsitzende des Gewerbevereins, Andrea Wille, der »De
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Das Podium am Freitagabend im Bürgerhaus Allendorf/Lumda: (von rechts) die Vorsitzende des Gewerbevereins, Andrea Wille, der »Demografiebeauftragte« Günter Muhly, Volker Thomas für die Lumdatalbahn Aktiengesellschaft, Erster Stadtrat Ernst-Jürgen Bernbeck, der Rabenauer Bürgermeister Kurt Hillgärtner sowie die Soziologin und Unternehmerin Dr. Bettina Nickel. (Foto: mb)
Die Vorsitzende des Gewerbevereins, Andrea Wille, freute sich über rund fünf Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer trotz Fußball-Weltmeisterschaft im Fernsehen und konnte später mit Genugtuung auch eine ebenso niveauvolle wie rege Diskussion verfolgen.

Einleitend ging die Vereinsvorsitzende auf die durch Alterung, Schrumpfung und Migration in Gang gekommene Änderung der Gesellschaftsstruktur ein und sagte, mit der Frage nach der Zukunft von Allendorf/Lumda solle provoziert und aufgerüttelt werden. Aufzulisten gelte es nicht, was in der Vergangenheit falsch war, sondern betrachtet und besprochen werden solle, was sich in Allendorf/Lumda mit mehr Alten und weniger Kindern ändert. Den Mitgliedern des Gewerbevereins, die von Allendorf/Lumda begeistert seien, gehe es also um die Gestaltung der Zukunft, die Bewältigung von Problemen und das Entzünden eines Feuers, nicht aber um das Verwalten der Asche. Bevor Andrea Wille einen »informativen und funkensprühenden Abend« wünschte, stellte sie die Teilnehmer des späteren Podiumsgesprächs vor: Bürgermeister Kurt Hillgärtner (Rabenau), Vorsitzender des Regionalvereins »Gießener Land«, Erster Stadtrat Ernst-Jürgen Bernbeck, Volker Thomas (Gießen-Petersweiher), Vorsitzender der Lumdatalbahn Aktiengesellschaft, und Günter Muhly, »quasi Demografiebeauftragter des Gewerbevereins«.

Dr. Bettina Nickel, Geschäftsführerin der Steinbruchbetriebe Nickel, lud zu einer Mitmachveranstaltung ein, bei der Fragen, Beiträge und Vorschläge erbeten sind, ehe sie »Demografie« als die Wissenschaft von der Änderung der Bevölkerungsstruktur kennzeichnete und ihre Ausführung mit der Bevölkerungsexplosion im 19. Jahrhundert begann. 1816 hatte sich die Bevölkerungszahl in dem Gebiet, das als Deutschland zu bezeichnen war, auf 23 Millionen belaufen. Um 1900 waren es 56 Millionen. Als Ursachen des damaligen demografischen Wandels nannte sie Erfindungen und Entdeckungen, die Aufhebung von Ehegesetzen/Heiratsverboten, die geringere Säuglingssterblichkeit und die höhere Lebenserwartung. Hand in Hand mit der Industrialisierung gingen Landflucht, Überbevölkerung der Städte, schlechte Lebensbedingungen und das Entstehen eines verarmten Proletariats. 1938 zählte das »Deutsche Reich« dank weiteren technischen Fortschritts und Verbesserungen in der Landwirtschaft, bei der Ernährung und in der Medizin 68 Millionen Menschen und 2000 die Bundesrepublik Deutschland 82 Millionen. Eine Folge des »Wirtschaftswunders« waren hohe Geburtenraten besonders in den Jahren 1960 bis 1970. Der »Pillenknick« konnte in den 80er und 90er Jahren vor allem durch Zuwanderungen von Deutschen aus dem Ostblock ausgeglichen werden. Für Gegenwart und Zukunft sprach die Referentin von Bevölkerungsschrumpfung und -alterung statt -wachstum.

Anhand statistischer Angaben der Landes- und Bundesämter sowie der Europäischen Union (EU) machte Dr. Bettina Nickel weitere Ausführungen zur Bevölkerungsentwicklung, die in ganz Europa ähnlich wie in Deutschland ist. In Deutschland bringt eine Frau laut Statistik 1,4 Kinder zur Welt, in Frankreich 1,9 bis 2, in Spanien nur 1,2 und in Griechenland nur 1,3. Die Weltbevölkerung beträgt derzeit gut 6,9 Milliarden Menschen, 2050 werden es mehr als 9,1 Milliarden sein. Das Fazit: Die Weltbevölkerung wächst weiter, wenn sich auch das Tempo verringert; die Bevölkerungszahl in Europa sinkt; die Menschen in Europa werden immer älter.

Schließlich widmete sich die Referentin den Regionen, Mittelhessen, dem Kreis Gießen und Allendorf/Lumda. Die Bevölkerungsschrumpfung und -alterung werde Mittelhessen nicht zum Katastrophengebiet machen wie Teile der der ehemaligen DDR, sondern nur zu Stagnation oder leichtem Bevölkerungsrückgang führen. Laut Bevölkerungsvorausschätzung der Hessen-Agentur habe der Kreis Gießen bis 2030 mit einem Minus von 0,4 Prozent zu rechnen. Zuwachs sei für Staufenberg (mit großem Abstand), Pohlheim, Gießen, Linden, Reiskirchen und Lich prognostiziert, Stagnation für Lollar, Langgöns und Allendorf/Lumda, Rückgang für Heuchelheim, Fernwald, Laubach und Rabenau.

Zu den volkswirtschaftlichen Folgen von Schrumpfung und Alterung sagte Dr. Bettina Nickel unter anderem, dass sich der bereits zu verzeichnende Mangel an Fachkräften und an beruflichem Nachwuchs weiter steigere, dass die Jugend nicht in der Lage sei, offene Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu besetzen, dass sich die Inlandsnachfrage ändere, dass die alternde Bevölkerung einer geänderten Infrastruktur bedarf, dass sich die Immobilienleerstände ausweiten, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden. Sie schloss Forderungen nach politischen Entscheidungen an und führte als einige Beispiele die Gestaltung einer kinder- und familienfreundlichen Gesellschaft, die Förderung von Arbeitsfähigkeit und Mobilität im Alter, die Nutzung des Erfahrungs- und Wissensschatzes der älteren Menschen, die Förderung von Einwanderung bzw. Migration sowie den Ausbau der Bildungsangebote an.

Eine Befragung des Podiums und zahlreiche Beiträge von Teilnehmern des Informations- und Diskussionsabends schlossen sich an.

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Artikel vom 28.06.2010 - 07.00 Uhr
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