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»Es wurde immer enger«

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Artikel vom 11.07.2014 - 19.28 Uhr

»Es wurde immer enger«

Vier Freunde, drei Spiele, ein Problem: Von einer Fußballreise zur WM nach Brasilien. Vier Kreis-Gießener erzählen.

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Für Markus Witzstrock, Christoph Ekler, Martin Zinn und Dieter Schäfer (v. l.) hat sich ein Traum erfüllt. Die vier Gießener haben bei der Fußball-Weltmeisterschaft alle Vorrundenpartien der deutschen Nationalmannschaft verfolgt. (Foto: privat)
© Red
»In zwei Stunden«, sagt der brasilianische Taxifahrer, »schaffen wir die Strecke mit Sicherheit nicht«, und treibt damit Markus Witzstrock und seinen drei Freunden Christoph Ekler, Martin Zinn und Dieter Schäfer die Schweißperlen auf die Stirn. Die vier aus dem Raum Gießen sind gerade in Recife gelandet, an dem Ort, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen die Auswahl der USA antreten wird. Doch der Himmel über der Millionenmetropole an der Atlantikküste hat seine Schleusen geöffnet, der Regen prasselt in riesigen Massen hernieder und die Straßen stehen mit bis zu 40 Zentimeter unter Wasser. Am Abend geht es für die DFB-Elf um den Einzug ins Achtelfinale der Weltmeisterschaft, aber noch haben die vier Freunde ihre Tickets für die Begegnung nicht in ihren Händen.

Eine zweiwöchige Fußballreise nach Brasilien, die drei Vorrundenspiele der Nationalmannschaft live im Stadion verfolgen, ein bisschen Rio de Janeiro und Copacabana sowie Erholung im Clubhotel. Das war der Plan, den die vier bereits während der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika geschmiedet haben. »Eigentlich wollten wir das schon damals machen«, erzählt Witzstrock, »aber da haben wir uns zu spät um die Organisation gekümmert. Deswegen haben wir den Entschluss gefasst, das Ganze für die WM in Brasilien umzusetzen.«

Gesagt, getan. Bereits im Juli 2013 buchen die Gießener ihre Pauschalreise nach Südamerika. Ziel ist Salvador de Bahia. »Das haben wir uns ausgesucht, weil es sehr zentral zwischen allen Spielorten liegt«, erklärt Witzstrock, der damals natürlich noch nicht gewusst haben konnte, dass ausgerechnet dort die Nationalkicker ihre Auftaktpartie gegen Portugal bestreiten würden. »Es war wie ein Sechser im Lotto, als wir im Dezember bei der Auslosung gesehen haben, dass Deutschland als Kopf der Gruppe G in Salvador ihr erstes Spiel spielen würde. Als dann noch Portugal als Gegner gelost wurde, waren wir alle aus dem Häuschen«, erklärt der Fan aufgeregt, in dessen Stimme immer noch die Euphorie mitschwingt.

Denn der Fußball-Gott hatte es gut gemeint mit den vier Sportliebhabern: Die Tickets für die Begegnung hatte ihnen die FIFA bereits im Oktober zugesagt. Auch die Eintrittskarten für das Aufeinandertreffen mit Ghana waren schon gesichert. Lediglich für die letzte Vorrundenpartie gegen die USA hatte die Truppe keine Karten über den offiziellen Weg bekommen. Doch eine Internet-Auktionsplattform bot Abhilfe. »Wir haben relativ frühzeitig Kontakt zu einem Verkäufer aus Bayern aufgenommen und die Tickets erstanden. Einziges Problem war, dass die Karten vor Ort nur vom Inhaber gegen einen Voucher einzulösen waren«, erklärt Witzstrock, der vor dem Hintergrund der geplanten Reise mit seinen Bekannten die Katze im Sack gekauft hatte. »Es hätte ja auch schiefgehen können. Niemand wusste, ob wir am Ende wirklich die Tickets in unseren Händen halten würden.«

Genau diese Gedanken haben die vier auch, als sie sich mühsam durch den stockenden Straßenverkehr Recifes kämpfen. Sie sind auf dem Weg zu »ihrem« Verkäufer. Doch das Wetter bringt den Zeitplan gehörig ins Wanken, nichts geht mehr. Nur einige Tage zuvor hatte die Gruppe noch bei herrlichen Bedingungen an der Copacabana in Rio de Janeiro mit Zigtausenden Brasilianern das Spiel der Gastgeber gegen Kamerun verfolgt, und nun das. »Nach einem Telefonat haben wir dann entschieden, dass wir uns mit dem Händler vor dem Stadion treffen, obwohl wir ihn nie vorher gesehen hatten und die Zeit immer knapper wurde«, blickt Witzstrock zurück. Erst 30 Minuten vor Anpfiff kommen die Freunde, die seit knapp zehn Stunden unterwegs sind, am Stadion an. Für 25 Kilometer haben sie satte dreieinhalb Stunden gebraucht – und es damit noch gut getroffen. Denn viele andere Zuschauer schaffen es erst zur zweiten Hälfte oder gar kurz vor Schluss an die Spielstätte. Auch der Kartenverkäufer ist noch nicht da, er steht irgendwo im Stau.

»Die Nervosität ist natürlich immer mehr gestiegen und man hat sich gefragt, ›kommt er überhaupt?»«, erklärt Witzstrock, der mit seinen Freunden hoffnungsvoll nach jedem Deutschland-Trikot Ausschau hält. Dann endlich: Der mysteriöse Verkäufer aus Bayern spricht die Gruppe an, überreicht ihnen die Karten, die Freude der vier ist riesengroß, der niederprasselnde Regen und die durchnässte Kleidung sind völlig vergessen. »Wir haben geschrien, laut gejubelt und die Arme in die Luft geworfen. Der ganze Ballast ist von uns abgefallen«, schildert Witzstrock, dem man anmerkt, wie hoch emotional die Gefühlslage im Wetterchaos von Recife gewesen sein muss. Das i-Tüpfelchen für eine aufregende und spektakuläre Reise der vier Freunde aus Gießen, die den Rest der WM vor den heimischen TV-Geräten verfolgen. (fk)

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Artikel vom 11.07.2014 - 19.28 Uhr
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