Sie sind hier: Olympia-Kolumne »

Austens Apfel

Artikel vom 31.07.2012 - 08.09 Uhr

Austens Apfel

Ich habe es getan! Tagelang hatte ich darüber nachgedacht, mich immer wieder zurückgehalten, aber gestern Morgen konnte ich nicht widerstehen. Ich habe den Apfel aus dem Kühlschrank genommen und hineingebissen. Sorry, tut mir leid.

Lupe - Artikelbild vergrössern
Der Apfel ist nicht das einzige Verderbliche, was mein Vermieter in seiner Wohnung zurückgelassen hat. Gekühlt werden Trauben, Mandarinen, Lauch, Tomaten, Champignons, Avocado und Toastbrot, neben dem Spülbecken steht frische Petersilie, auf dem Wohnzimmertisch ein Blumenstrauß. Das fand ich übrigens reizend von Austen. So heißt mein Vermieter. Ich meine, über das angebrochene Glas Marmelade, den Rest Margarine, die Tomatensauce und den Sesamsamen – das mag er, denn davon stehen zwei Gläser kalt – hätte ich mich nicht gewundert, aber die frischen Sachen und die Kanne Kaffee, die im Kühlschrank mittlerweile zu Eiskaffee geworden ist, das verwirrt mich doch alles sehr, denn Austen kommt erst am 15. August zurück. Ich bin dann schon wieder weg. Erwartet er, dass ich das alles esse? Oder sollte ich besser gar nicht erst darüber nachdenken, das zu tun? Ich weiß es nicht. Ich kann Austen auch nicht fragen, denn sein Handy hat er nicht mit in den Urlaub genommen. Das liegt hier auf dem Wohnzimmertisch. Zum Glück ist es aus.

Haben Sie schon mal in der Wohnung eines Fremden gewohnt? Ich nicht. Abgesehen von ein paar Monaten in einer WG kann ich auf keinerlei Mitwohnerfahrungen zurückgreifen. Damals war das eigentlich aber auch keine richtige WG. Wir hatten zwei Eingänge, zwei Bäder, ein großes Wohnzimmer und eine riesige Couch. Ich habe meinen Mitbewohner also fast nie gesehen.

Und jetzt wohne ich bei Austen. Den sehe ich zwar auch nicht, aber komisch ist es trotzdem. Sein Name ist übrigens alles, was ich über ihn weiß. Obwohl. Ich kenne seine Schuhgröße und denke, dass er schwarze Slipper mag, es stehen einige im Flur. Austen liest gern, das sieht man an der Bücherwand im Wohnzimmer. Und ich vermute, dass er Anwalt ist, denn das lassen die Unterlagen auf seinem Schreibtisch erahnen. Außerdem trägt er gerne Anzüge. Um das herauszufinden, muss man nicht Sherlock Holmes sein, der hier in der Nachbarschaft gewohnt haben soll. Ich habe einfach in Austens Kleiderschrank geschaut.

Mehr weiß ich aber nicht. Ich weiß nicht, wie er aussieht, ich weiß nicht, wie alt er ist, ob er eine Frau hat oder nicht. Ich weiß nichts über ihn. Trotzdem habe ich am ersten Tag seine Wäsche aus der Waschmaschine genommen und aufgehängt – ja, auch die Unterhosen. Mittlerweile habe ich gebügelt und alles wegsortiert. Ich leere täglich seinen Briefkasten, alle zwei Tage gieße ich die Geranien auf den Fensterbänken, und ich bringe zu den vorgeschriebenen Zeiten den Müll herunter. Und jetzt esse ich genüsslich seinen Apfel. Wird schon nicht so schlimm sein. Ich habe das bei meinem WG-Mitbewohner früher ja auch immer getan.

See you later (mac)

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 31.07.2012 - 08.09 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang